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Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien,
IX., Berggasse 19.25.XI. 1900
Theurer WilhelmMeine Ahnung, daß Dein langes
Schweigen etwas Böses bedeutet, war
also richtig. Ich bin dieß von früheren
Zeiten her gewöhnt, wo es zu bedeuten
pflegte, daß es Dir selbst sehr schlecht
geht. Das also zum Glück nicht mehr!Ich selbst hätte nicht so lange mit
der Anfrage gewartet, wenn ich mir
nicht zu Beginn der heurigen Briefver-
kehrsaison versprochen hätte, das viele
Jammern gegen Dich durchaus zu
vermeiden. Du siehst, wie bald man
dann außer Kenntniß von einander
geräth; schreibst Du doch selbst: „ich habe
nicht geantwortet, weil ich nichts zu
berichten hatte, wenigstens nichts Er-
freuliches." Wenn man darauf warten
müßte! Also vielleicht ein Mittleres, -
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nur wenig jam̄ern und doch öfter
schreiben.Deine Nachricht hat mich sehr geschmerzt.
Das erlischt also nicht, sondern tritt
periodisch vor u zurück u setzt wahr-
scheinlich in jeder Phase des Vordringens
ein neues Stück an. Ich glaube, es
ist im̄er so bei Paranoia; es giebt
dabei keine andere Art der Heilung
als Zurücktreten mit Festhaltung der
Verdrängung. Dabei ist die periodische
Natur noch ein Segen.Von der anderen Angelegenheit, die
ebensowenig Anlaß zu froher Stim̄ung
giibt, von dem Mütterlichen der
anderen Seite ist mir das Meiste
„au fur et a mesure" bekannt. Ich
sehe Oscar jetzt sehr häufig, denn
Minna hat ihn zu ihrem Arzt
gewählt, u Du kennst ihn ja soweit
– soweit sind wir ja auch einer
Meinung über ihn –, daß er an -
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Verläßlichkeit und Aufopferung nichts zu
wünschen übrig läßt. Wir nützen ihn
also jetzt sehr aus. Es ist nicht alles
klar am Zustand, auch nicht, welcher
Grad von Besorgniß berechtigt ist;
mit den Einzelheiten will ich den
Brief nicht füllen; es wird sich ja
doch bald ergeben. Das Auffälligste ist
an ihr eine Pulsfrequenz bis über 130.In der Arbeit ruht es nicht gerade
geht wahrscheinlich unterirdischer
Weise ordentlich vorwärts; es ist
aber gewiß keine Zeit der Ernte,
der bewußten Bewältigg. Überraschende
Funde werden wol überhpt nicht
mehr kom̄en. Die Gesichtspunkte sind
wahrscheinlich alle schon beisam̄en
fehlt nur noch die Ordnung u die
Einzelausführung. Eine Aussicht die
Zeitdauer der Behandlungen wesentlich
zu verkürzen, sehe ich nicht, der
Umkreis der Indikationen wird sich
kaum erweitern lassen. -
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Ganz unbestim̄t, wann ich zur Dar-
stellung kom̄en werde, wenn überhpt.
Dießmal darf kein Irrtum, keine
Vorläufigkeit mehr dabei sein; also
Horaz'ens Regel: nonum prematur
in annum. Überdieß, wer interessirt
sich dafür? wer fragt darnach? Cui
bono soll ich die Arbeit unternehmen?Ich bescheide mich bereits zu leben
wie ein fremdsprachiger oder wie
Humboldt's Papagei. Der Letzte seines
Stam̄es – oder der Erste u vielleicht
Einzige zu sein, das sind sehr
ähnliche Situationen.Ich werde nicht versäumen, Deine liebe
Frau im Dezember hier zu begrüßen
Laß mehr von Dir hören u sei
herzlich gegrüßt von Deinem
Sigm
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Wien 1090
Österreich
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