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S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a.d. Universität.
Wien,
IX., Berggasse 19.30. 1. 1901
Theurer WilhelmIch habe Dir auf vieles zu antworten
was lange nicht vorgekom̄en ist. Von
Minna's Zustand weiß ich also folgendes:
Am Ulcus ist ja nicht zu zweifeln, zum
duodenalen Sitz stim̄t aber gar nichts,
nach Blut u Schmerzhaftigkeit wollte
der Consiliarius Oscar's, A. Ham̄erschlag,
der sich übrigens gar nicht auskannte, uns
sogar zu einer Rectumlocalisation
bewegen. Ich denke, es bleibt beim
Colon (Flexur). Embolisch war der Beginn,
tbcl Ulcus scheint ausgeschloßen.
Oscar hat die Tage über unreine
Töne gehört, einige Tage vorher war
leichte aber sonst nicht constatiebare
Temperatursteigerung. Das ist
alles vorliegende Material. Klar sieht
wol niemand recht, aber eine
der Herkunft wie der Bedeutg -
S.
nach unbekannte Herzaffektion, die
endocarditische Verändergen mitein-
schließen könnte, däm̄ert uns doch.
Einige characteristische Stühle sind
durch häusliches Ungeschick verloren
gegangen, seither hat Oscar Fibrin-
gerinnsel in den fraglichen Beimeng-
ungen erkannt.Ihr Allgemeinbefinden hat sich in
letzten Tagen wieder sehr gehoben,
damit steigt dann unsere Stim̄ung.
Funktionelle oder neurotische
Erkrankung ist wol nicht zu dia-
gnostiziren. Ganze Geschichte ist
nicht heimlich.„Tr u Hy" soll Dich womöglich nicht
enttäuschen. Die Hauptsache darin
ist noch immer das Psychologische,
die Verwertg des Traumes, einige
Besonderheiten der ubw Gedanken.
Auf's Organische giebt es nur Durch-
blicke unzw auf die erogenen
Zonen u die Bisexualität. Aber -
S.
genan̄t und anerkannt ist es einmal u
vorbereitet für eine ausführliche Darstellg
ein anderes Mal. Es ist eine Hy mit
Tussis nervosa u Aphonie, die sich auf
den Character der Lutscherin
zurückführen lassen, u in den sich
bekämpfenden Gedankengängen
spielt der Gegensatz zwischen einer
Neigg zum Manne u einer
zur Frau die Hauptrolle.Alltagsleben ruht indeß halbfertig u
soll bald fortgesetzt werden. Ich
habe selbst etwas Drittes, Kleines,
vor; eben sehr viel freie Zeit u
Bedürfniß mich zu beschäftigen.Es ist heuer eine Entlastung um
3-4 Arbeitsstunden täglich, dem
entsprechend größeres physisches Wol-
befinden, aber ein gewißes Unbe-
hagen im Budget.Mit dem Datum habe ich mich nicht viel
geirrt. Ich war so tolerant, dem -
S.
Publikum nur die Zeit seit der Publikation
der „Beziehungen" anzurechnen,
die 1897 bezeichnet u doch zu Weihnachten
1896? erschienen sind. Es wären also
über 4 Jahre. – Die zweite Discussion
in Wien soll noch viel beschämender
gewesen sein als die erste. Die
Leute sind unverbesserlich. Mit
demselben Athem, der sich schämen
müßte zuzugestehen, daß sie das
leicht Nachweisbare u doch höchst Sonder-
bare in Deinem Buch mit soviel
Unrecht verworfen haben, getrauen
sie sich, über den schwierigeren
Theil desselben zu spotten, und
keine Selbstkritik sagt ihnen, wenn
sie so und der Autor so sich
erwiesen hat, so könnte doch
auch an dem Anderen etwas
sein, was sie sich zuerst überlegen
sollen! Unverbesserlich, u damit
genug! -
S.
Grossmann in Wien ist ebenso ekel-
haft wie G. in Berlin. Die Sache ist
richtig, sehr alt u außer Zusam̄enhang
mit Deinen Funden. Er zeigte mir
einmal einen epilept. Schwager, der
nicht schnaufen konnte vor Nasen-
behinderg u ich rieth ihm die Nase
frei zu machen, ob sich nicht ein
Einfluß auf dieEAnfälle gewin̄en
ließ. Ich durfte bei den Operationen!
einigemale zuschauen u war ent-
setzt über seine Ungeschicklichkeit,
Hilflosigkeit u Planlosigkeit.Meinst Du nicht, daß es jetzt
der richtige Moment wäre, die paar
Nachträge zu dem aktuellen Thema,
die Head'schen Zonen, die Wirkg
bei Herpes zoster u was Du sonst
hast, auf drei Seiten zusammen-
zustellen u der Öffentlichkeit zu -
S.
übergeben? Der Contact
¿¿¿¿¿mit
dem Volk wird schließlich doch ein
Mittel sein, den großen biologischen
Dingen, die Dir wichtiger sind, eine
gewiße Beachtung zu sichern. Die
Leute gehen doch nur auf die
Autorität, die man sich wiederum
nur erwerben kan̄, wen̄ man
etwas macht, was ihnen zugänglich
ist. –Mitten in der gemütlichen u mater-
iellen Depression dieser Zeit quält
mich die Versuchung, die heurige
Osterwoche in Rom zu verbringen.
Mit gar keinem Recht, es ist nichts
erreicht, u es wird wahrscheinlich
auch äußerlich unmöglich sein.Hoffen wir auf bessere Zeiten.
Ich wünsche sehnlichst, daß Du mir
bald von solchen berichten
magst.
Herzlichst Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße
Berlin 10785
Deutschland
C28F2