-
S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 19.B. 6 Sept 99
Theurer WilhelmHeute ist Dein Hochzeitstag, den ich
sehr wol erinnere. Aber hab noch
eine Weile Nachsicht mit mir. Ich
bin eben ganz im Traum, schreibe 8-10
Seiten täglich u habe eben das
Ärgste in der Psychologie über-
standen. Unter großer Quälerei, ich
mag gar nicht denken, wie es geworden
Du wirst mir dan̄ sagen, ob es
überhaupt zulässig ist, aber an den Aus-
hängebogen, Mncrpt lesen ist eine zu
große Schinderei, und es kan̄ noch
alles geändert werden. Ich habe endlich
doch mehr hergegeben, als ich wollte,
wie man ja im̄er tiefer hineinkom̄t,
aber ich fürchte, es ist: Stuss, wie Ihr
sagt: Quatsch. Und was werde ich
da zu hören bekommen! Wenn das
Gewitter über mich hereinbricht, -
S.
flüchte ich zu Dir ins Fremdenzim̄er.
Du wirst im̄er noch etwas zu loben
finden, denn Du bist parteiisch für
wie die anderen gegen.Nun habe ich heute 60 Blätter bekom̄en,
die gleichzeitig an Dich abgehen. Beinahe
schäme ich mich, Dich so auszunützen
u den Gegendienst bei der Biologie
wirst Du von mir nicht brauchen,
weil Du allein zu sondern weißt
u mit der Helle, nicht dem Dunkel
der Sonne, nicht dem Unbewussten
zu thun hast. Ich bitte Dich aber sehr,
Dich nicht mit einem Mal über das
Ganze zu setzen u mir die Blätter
auf denen Du die Censur übst,
zu schicken, wenn Du einige beisam̄en
hast, damit ich Deine Correcturen
vor Absendung meiner, die im Ganzen
abgeht, bekomme. Es sind massen-
haft neue Geschichten dabei, die ich Dir farbig
anstreiche. Dem Sexuellen bin -
S.
ich ja ausgewichen, aber der Dreck ist
unvermeidlich und bittet um humane Behand-
lung. Gemeine Druckfehler werden Dich
natürlich nicht beküm̄ern; wo Du
meine Citirignoranz, Stil oder schlechtes
Gleichniß anstreifen kan̄st, da tu's es
nur. Wen̄ mir jemand den wirklichen
Werth von der Geschichte sagen könnte. -– Es war hier sehr schön, vielleicht
bringe ich es noch zu einigen freien
Tagen. Mein Stil war leider schlecht
weil es mir zu gut körperlich ging;
ich muß etwas elend sein, um schön
zu schreiben. – Also Jetzt von etwas
Anderem. Alle befinden sich hier
sehr wol, wachsen u gedeihen, das
Kleine allen voran. Ich denke nicht
gerne an die kom̄ende Saison.– Es wird heut' nichts mehr, im̄er das
Gleiche. Sei mir herzlichst gegrüßt
u bedankt Dein SigmKennst Du David?
u. Friedjung Geschichte von 1859-1866
Gutshof Riemerlehen
Berchtesgaden 83471
Deutschland
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C27F12