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    [Briefkopf III Berlin] 3. III. 13.

    Lieber Herr Professor,

    Zuerst herzlichen Dank für Ihre Zeilen und für den Sonderabdruck! Ich bin erstaunt über alle die neuen Ideen und Gesichtspunkte in dieser Serie von Arbeiten. Auch die beiden Ab- drucke aus der Internationalen Zeitschrift habe ich erhalten. Gelegentlich will ich ein paar kleine Ergänzungen zu dem technischen Aufsatz bringen. Einstweilen muß ich die psychoanalytische Feder etwas ruhen lassen, da ich jetzt mit den Vorarbeiten zur Habilitations-Schrift beschäftigt bin. Ich habe deshalb die Zeitschrift schnell mit mehreren kleinen Beiträgen versorgt. Imago muß vorläufig warten. – Ich bearbeite die Assoziationen im normalen Senium und bei leichter seniler Demenz. Es wird eine brave preußische Arbeit werden, die offne Türen einrennt. Wenn sie nur auch die Tür zur Universität einrennen möchte. In Wirklichkeit sieht es für mich nicht ganz so schlecht aus, wie ich zuerst dachte. Kraus ist jetzt sehr interessiert; er hat in der inneren Klinik zwei Tage nacheinander sehr eingehend über Psychoanalyse gesprochen. Aber das beste ist folgendes. Ich hatte Prof. Liepmann (den Aphasie-Apraxie-Forscher) gebeten, bei Bonhoeffer für mich anzufragen. L. teilte mir damals schriftlich mit, B. habe sich ganz negativ geäußert. Bei einer persönlichen Begegnung ließ ich mir von Liepmann die Sache genauer sagen, und da stellte 

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    sich heraus, daß B. geäußert hatte: wenn ich eine gute Arbeit lieferte, so sei er nicht prinzipiell dagegen! Dieser sonderbare, zur »Zeugenaussage« interessante Widerspruch kommt daher, daß L. trotz seiner anerkannten Tüchtigkeit die ersehnte ordentliche Professur nicht erhalten hat; er war schon vier- bis fünfmal für verschiedene Universitäten vorgeschlagen. Er ist sehr pessimistisch geworden, und obwohl er es sonst gut mit mir meint, hat er seinen Komplex in meine Sache hineinspielen lassen. Ich füge ein Programm des Psychiater-Kongresses bei. Vermutlich wissen Sie schon von dieser Veranstaltung. Es hat wohl kaum viel Zweck, dorthin zu gehen; wenn Sie, lieber Herr Professor, dafür wären, würde ich eventuell doch zum Kongreß gehen. Sagen Sie mir doch bitte gelegentlich Ihre Meinung dazu! Die »Sexualwissenschaftliche Gesellschaft« ist inzwischen gegründet; B sie wird unsre Kreise nicht stören. Hier trägt sich sonst nichts zu. Zufällig hörte ich, daß Jung demnächst wieder nach Amerika geht, und zwar auf einige Monate. Ich fürchte, es gibt wieder Schwierigkeiten mit den Kongreß-Vorbereitungen. Es wäre doch gut, wenn jemand an seiner Stelle das etwa Nötige besorgen würde. In wissenschaftlicher Beziehung heute nur eine kleine Bemerkung. In dem neuen Imago-Artikel, Fußnote auf p. 5, weisen Sie auf das biblische Verbot der bildlichen Darstellung hin, das sich hauptsächlich auf die Anbetung von Bildern bezieht. Ich habe nun ein paarmal in der Psychoanalyse bei Patienten ein 

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    analoges, auf die Eltern bezügliches »Verbot« gefunden. Der Patient ist imstande, sich die Gesichtszüge aller Verwandten und Bekannten mit visueller Deutlichkeit vorzustellen. Nur die Gesichtszüge der Eltern kann er, auch wenn er unmittelbar zuvor mit ihnen zusammen war , sich nicht reproduzieren. Der ausgesprochenste Fall war ein Zwangsneurotiker mit schwerstem Grübelzwang. Die Verdrängung des Schautriebs hatte zu ganz abenteuerlichen Zwangserscheinungen geführt, z.B. Grübeleien über das Aussehen tatsächlich unsichtbarer Dinge (z.B. wie das Bewußte und Unbewußte im Gehirn aussehe, wie seine Neurose aussehe, etc. etc. Er wollte alles sehen.) Sollte nicht das biblische Verbot, Gott in einem Bilde zu verehren, mit der Verdrängung des Schautriebs zusammenhängen? Gott zu sehen, ist ja unter Strafe des Todes oder der Erblindung gestellt. Sobald ich ein bißchen Zeit finde, sende ich der Zeitschrift eine höchst interessante Beobachtung über Mund-Erotik bei einem Hebephrenen. Ein Patient, der sich mit 14 Jahren vom Milchsäugen entwöhnen mußte und oft – wenigstens bewußtermaßen – nur deshalb masturbierte, weil er nachts keine Milch zu trinken bekommen konnte! Es ist derselbe Pat., von dessen »Mund-Pollutionen« (Speichelentleerung im Traum) ich Ihnen schon in Wien erzählte. Übrigens ist es eine Freude, wie die Redakteure der neuen 

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    Zeitschrift bei der Arbeit sind! No 1 machte sich vortrefflich und kann es mit dem »minderwertigen Organ« getrost aufnehmen. Putnam sandte mir eine Dame (Miss Stevens) (frühere Patientin), die in Berlin Sprachfehler der Kinder studiert. Sie möchte eventuell zum Winter nach Wien gehen und sagte mir, sie wolle bei Ihnen anfragen, ob Sie sie zu den Vorlesungen zulassen würden. – Sie ist eine nette, gescheite Person und wird Ihnen, glaube ich, keine Last machen. »Dreams and Myths« wird angelangt sein! Selbstverständlich erwarte ich auf diesen Brief keine Antwort, lieber Herr Professor! Ich weiß, welche Korrespondenz-Lasten Sie haben, und bitte Sie nur um eine gelegentliche Äußerung wegen Breslau! Ihnen und den Ihrigen herzliche Grüße, auch von meiner Frau!
    Ihr ergebener Abraham