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Grunewald, Schleinitzstr. 6 23. 2. 19. Lieber Herr Professor, Trotz der unruhigen Zeiten scheint das wissenschaftliche Leben dort rege zu sein. Über die Entwicklung des Verlags, die neuen Auflagen, die Vereinstätigkeit usw. freute ich mich zu hören. Von hier ist natürlich immer nur in bescheidenem Umfang von wissenschaftlichem Leben zu berichten. Unsre Gruppe hält jetzt drei Sitzungen im Monat, zwei davon mit ärztlicher, eine mit Imago-Tagesordnung. Letztes Mal hielt Liebermann einen Vortrag über gewisse bisexuelle Erscheinungen in der Zwangsneurose, mit dem ich recht zufrieden war. Simmel muß erst werden. Er ist noch nicht weit über das kathartische Stadium hinaus und scheint mir selbst analysebedürftig. Eitingon ist leider zu unproduktiv. Frau Horney ist sehr eifrig, die andern kommen wissenschaftlich kaum in Betracht. Boehm aus München, der wohl im April hierher ziehen wird, wird anscheinend eine gute Akquisition sein. Ich selbst schreibe eine Kleinigkeit über die Patienten, die sich dauernd dem freien Assoziieren entziehen. In ein bis zwei Wochen hoffe ich, Rank das Manuskript schicken zu können. Es ist ein Vortrag, den ich in unsrer ersten Sitzung hielt. Diese Woche spreche ich über Tiertotemismus im Traum. Gesundheitlich geht es mir jetzt ziemlich gut, sodaß ich auch meine Arbeit gut leisten kann. Die Praxis nimmt zu. In letzter Zeit hat sie mir verschiedene neue Funde gebracht, die ich bald verwerten will. U.a. sind es ein paar Beiträge zur Lehre von den erogenen Zonen, besonders
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das Auge betreffend. Ein sehr instruktiver Fall von Schreibkrampf lieferte mir schönes Material über die Hand als erogene Zone. Rank sandte mir ein Inhaltsverzeichnis der Zeitschrift Nr. 2. Darin finde ich u.a. eine Überschrift: »Putnam †«. Wissen Sie Näheres darüber? Die ersten zwei Monate Praxis haben mir den Beweis erbracht, daß man außerhalb der Stadt wohnen und praktizieren kann. Schon jetzt möchte ich nicht wieder in die Stadt zurück. Aber es ist sehr schwer, hier draußen eine brauchbare Wohnung zu finden; die jetzige ist nur ein Provisorium. Nach drei Jahren Bohème-Wirtschaft möchten wir es gern einmal wieder behaglich haben. Haben Sie aus Genua Nachricht? Und wie geht es Ihnen allen? Hier ist schon recht frühlingsmäßiges Wetter. Wenn es auch dort so ist, haben Sie wenigstens nicht mehr so unter dem Koh- lenmangel zu leiden. In dieser Hinsicht sind wir gut daran, aber in anderen Beziehungen ist es noch recht schwierig, hier zu leben. Sie haben recht, einstweilen tut man gut, sich in die Wissenschaft zu vergraben. Gut, daß die unsrige uns so hoffnungsvolle Ausblicke in die Zukunft gibt! Mit herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus Ihr Karl Abraham
Schleinitzstraße 6
Berlin-Grunewald 14193
Germany
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F6