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    Bln.-Grunewald, 29. 12. 19

    Lieber Herr Professor,
    Ihr Brief vom 15. hat mich gestern erreicht! Das läßt wirklich nicht auf eine Besserung des Verkehrs schließen. Inzwischen ist Ihr Ernst als lebende Nachrichtenquelle hier erschienen. Leider
    konnten wir ihn erst einmal bei uns sehen, da meine Frau während der Weihnachtstage krank lag und noch liegt. Es handelt sich um einen harmlosen, aber hartnäckigen Stirnhöhlen- und Kehlkopfkatarrh. Wir hoffen, sobald diese Sache erledigt ist, Ernst öfter bei uns zu sehen. Rank ist [an] uns vorbeigefahren; ich hätte ihn so gern gesehen. Auf Reiks Kommen scheint auch keine rechte Aussicht.
    Ich denke so oft an den armen Freund. Gern würde ich ihm einmal schreiben, mag ihn aber nicht noch mehr an sein Schicksal erinnern. Und doch kommt es mir unrecht vor, gar keine Notiz von seinem Leben und Leiden zu nehmen, zumal ich in Budapest so viel Freundschaftliches von ihm erfahren habe. Könnten Sie mir nicht raten, wie man sich verhalten soll? Sie wissen sicher, ob er empfindlich dagegen ist, wenn man sein Kranksein
    berührt.
    Ich hatte schon befürchtet, daß Schmideberg vorzeitig

     

  • S.

    in Wien plaudern werde. Eitingon hat ihm etwas anvertraut, und als ich das erfuhr, war S. schon abgereist, sodaß man ihm kein Schweigegebot mehr auferlegen konnte. Nun will ich Ihnen natürlich den ganzen Sachverhalt mitteilen, und Sie werden mir recht geben, daß ich eigentlich nicht gackern wollte, bevor das Ei gelegt ist.
    Simmel hat durch seine politische Tätigkeit Beziehungen zum Kultusministerium. Maßgebende Personen dort erklärten ihm, zum Teil auf seinen Artikel in der Vossischen Zeitung hin, man stehe der Errichtung eines Lehrstuhls für Psychoanalyse sehr freundlich gegenüber. S. besprach die Sache zunächst mit Eitingon und meinte, in Betracht kämen ich, Eitingon und er selbst. E. lehnte unbedingt ab und erklärte, außer mir komme überhaupt niemand in Betracht. Simmel ließ sich überzeugen, sprach mit mir und dann mit dem maßgebenden Dezernenten im Ministerium. Darauf forderte dieser mich auf, ihn zu besuchen, was Anfang Dezember geschah. Inzwischen hatte sich der sehr unangenehme Zwischenfall wegen der Professur für den Tuberkulose-Friedmann im Parlament ereignet, sodaß das Ministerium der Fakultät viel schonender gegenübertreten mußte, als sonst geschehen wäre. Nach eingehender Besprechung wurde ich aufgefordert, eine ausführliche, wissenschaftlich begründete Denkschrift über

  • S.

    Einführung des psychoanalytischen Unterrichts durch unsern Verein einreichen zu lassen. Die Denkschrift wird dann der Fakultät vorgelegt. Demnach liegt die Sache keineswegs so günstig, wie man nach den ersten Äußerungen hätte annehmen können. Aber sie ist auch nicht aussichts los. Wenn das Ministerium einen gewissen Druck ausübt und nur einige Professoren bestimmt dafür eintreten, so sind die Chancen nicht so schlecht. Das Interesse in akademischen Kreisen wächst zusehends. Die Poliklinik, die im Januar bestimmt eröffnet wird, erregt das größte Interesse des Ministeriums. Von Professoren hoffe ich mindestens Kraus und His gewinnen zu können. Sollte die Aktion erfolglos sein, so bleibt die Hoffnung auf die bevorstehende Änderung des Berufungsrechts der Fakultäten. In der Denkschrift müssen nun alle Tatsachen angeführt werden, die das wachsende Interesse und Bedürfnis nach der Psychoanalyse dartun. Ich will Ihnen als Neustes mitteilen, daß ein junger, mir unbekannter Kollege aus Freiburg i./B., der jetzt das Staatsexamen macht und dann ein halbes Jahr lang bei Hoche Volontärassistent sein wird, sich um eine Stelle an der Poliklinik beworben hat. Vor einigen Tagen erhielt ich von einer Ärztin, bisheriger Assistentin der psychiatrischen Klinik in Königsberg, eine Anfrage, ob nicht ein psychoanalytischer Kursus stattfinde. Ähnliche Äußerungen des

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    Interesses häufen sich. Ich brauche aber möglichst viel Tatsächliches in dieser Hinsicht und möchte daher um folgende Auskünfte bitten: 1.) Ist Ihre »Zwangsneurose« im Krausschen Handbuch schon heraus? 2.) Wie war in neuerer Zeit die Frequenz Ihrer Vorlesungen und der von Tausk veranstalteten Ärzte-Kurse? 3.) Ist etwas über die Frequenz von Ferenczis Vorlesungen in Budapest bekannt? 4.) Hält Jones oder Flügel in London akademische Vorlesungen? 5.) Wie heißt der norwegische Psychiater, der in seinem Lehrbuch die Psychoanalyse ausführlich behandelt hat?
    Diese Fragen ist  Rank gewiß so freundlich mir zu beantworten. Ich habe ihn bereits gebeten, sich diesen Brief zeigen zu lassen. Er müßte mir dann noch seine Zustimmung zu einem Plagiat geben. Ich finde nämlich den
    einleitenden Artikel im 1. Heft des 1. Imago-Jahrgangs ausgezeichnet geeignet, um in großen Stücken als Grundlage der Denkschrift zu dienen und erwarte, daß er damit gern einverstanden ist. (Ich bitte ihn ferner noch, mir bei dieser Gelegenheit etwas über Sachs’ Aufenthaltsort und Ergehen mitzuteilen[.])
    Ich bitte Sie beide, über die Sache einstweilen nicht zu sprechen. Es wäre  sehr  schön. Ich bin sicher, daß die Vorlesungen
    starken Zulauf haben würden. Aber zunächst