-
S.
Allenstein, 6. 7. 15 Lieber Herr Professor, Gerade wollte ich Ihnen schreiben, um nach dem Grunde Ihres Schweigens zu fragen, als Ihr Brief ankam. Ich freue mich zu hören, daß es nur durch psychologische Gründe motiviert war; in dieser Zeit fürchtet man so leicht andres zu vernehmen. Ich verstehe vollkommen das Gefühl der wissenschaftlichen Vereinsamung und bin selbst einer von denen, die es unterlassen, Sie davon zu befreien. Ich bin aber seit Wochen kaum zu einem Federstrich an meiner noch immer unfertigen Arbeit gekommen. Die Lazarettbeschäftigung füllt mich zeitlich fast ganz aus. Übrigens arbeite ich als Psychiater nur nebenher; in der Hauptsache bin ich Chirurg geworden, und zwar nicht nur assistierender oder verbindender, sondern auch operierender. Der Psychoanalytiker in mir steht verwundert dabei, wenn ich ein Hydrocele operiere, oder eine Rippensektion wegen Empyem mache. Aber Krieg ist Krieg. Ich bin seit kurzem wieder in guter Stimmung. Zwischen meinem letzten Brief und diesem lag wieder eine sorgenvolle Periode. Vor ca. 14 Tagen bekam ich von Bremen sehr alarmierende Nachrichten über meinen Vater,
-
S.
mußte schleunigst reisen und fand ihn sehr elend. Er litt an einer schweren Neuralgie des linken Armes, teils in Zusammenhang mit dem Herzen, und war durch die damit verbundene Schlaflosigkeit, Morphiumgebrauch und eine begleitende fieberhafte Bronchitis sehr geschwächt. Als ich ankam, hatte die Sache ihren Höhepunkt bereits überschritten, und er erholte sich unter meinen Augen so, daß ich nach einigen Tagen wieder abreisen konnte. Jetzt geht es ihm langsam besser. Ich hielt mich auf der Rückfahrt einen Tag in Berlin auf. Unser Bub ist noch recht schwach von der schweren Krankheit, hatte noch eine Parese des Gaumensegels, die die Ernährung erschwerte. Die Albuminurie ist vorüber. Seit kurzem ist meine Frau mit den Kindern in Fürstenberg (Mecklenburg), wo sie sich bei Wald und Wasser erholen sollen. Leider sind wir ganz auf telegraphischen Verkehr angewiesen; meine Frau hat schon acht Tage keine Zeile von mir erhalten. Sie kennen diese zeitweisen Störungen dort ja auch. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Ich hoffe, im August acht bis 14 Tage Urlaub bekommen zu können, um bei meiner Familie zu sein. Ihre Reisepläne erweckten große Sehnsucht in mir. In die Alpen ginge ich auch gar zu gern, hätte auch nicht übel Lust, Sie in Berchtesgaden zu besuchen. Aber noch läßt sich nichts planen. Von Ihren neuen Arbeiten – ich staune über Ihre Produktivität in den letzten Monaten – habe ich nur gelesen, was inzwischen
-
S.
im Druck erschienen ist. Über Trauer und Melancholie haben wir nur korrespondiert. Ich bin sehr gespannt auf alles, was kommt! Übrigens werde ich in meiner nahezu fertigen Schrift über die Mundzone etwas von den Beziehungen andeuten, über die ich Ihnen vor einiger Zeit schrieb. Wenn das Manuskript fertig ist, sende ich es Ihnen, nicht Rank. Das ist jetzt wohl sicherer. Noch einiges Psychologische. Mein Sohn verleugnet mich in letzter Zeit in typischer Weise. Als meine Frau ihm in einem Gespräch einmal sagte: »Hilde ist Papas Tochter und du bist Papas Sohn«, wehrte er heftig ab. Auf Befragen, was er denn sei, antwortete er: »Ich bin Papas halber Bruder«. Als ich nach Bremen fuhr, hatte ich – in der Nacht nach Eintreffen der ungünsti- gen Nachricht – einen sehr schönen Traum, mit meinem seit Kindheit wiederkehrenden Totem Hund, und allen Zeichen infantiler Feindseligkeit. Es wird Sie interessieren, daß in Ihrem heute eingetroffenen Brief ein Schreibfehler war. Sie erwähnen den bevorstehenden 80. Geburtstag Ihrer Mutter und fügen hinzu, Ihr Vater sei 8 1/2Jahre alt geworden. Wenn ich mal etwas Erholungszeit habe, genieße ich sie in den herrlichen Wäldern der Umgebung. Ostpreußen bietet große landschaftliche Schönheiten, namentlich durch die großen Seen zwischen bewaldeten Hügeln.
-
S.
Wir freuen uns hier über die erfolgreiche Verteidigung der österreichischen Alpen nicht minder als über die großen Erfolge in Galizien. Trotzdem man nirgends ein Ende absieht, bleibt die Stimmung fest und zuversichtlich. Mit vielen herzlichen Grüßen und Wünschen für Ihrer aller Ergehen, daheim und draußen, Ihr Karl Abraham
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F5