• S.

    Berlin – Grunewald, 22. 10. 22

    Lieber Herr Professor,
    Seit dem Kongreß habe ich nicht von mir hören lassen, und da jetzt verschiedene Anlässe zum Schreiben vorliegen, so breche ich heute das Schweigen. Ich hoffe, Sie und die Ihrigen sind alle wohl. Vorigen Sonntag hat Oliver uns auf einem Ausflug begleitet. Ich freue mich sagen zu können, daß ich ihn entschieden zum Vorteil verändert finde. Bei uns ist alles wohl, nur meine Tochter quält sich im Beginn ihrer Analyse bei van Ophuijsen ein bißchen mit der Übertragung. Ich habe aber den Eindruck, daß Oph. die Sache in sehr sympathischer und feinfühliger Weise in Angriff genommen hat. Von allem, was sich hier sonst zuträgt, berichtet ja der Rundbrief, und so kann ich mich auf einige persönliche Mitteilungen beschränken, d.h. Ihnen wegen einiger Patienten berichten.
    Vor fast einem Jahr suchte mich auf Ihren Rat Ihr Verwandter Gustav Brecher auf. Die Psychoanalyse mußte aus vielen Gründen verschoben werden. Jetzt habe ich ihm kürzlich geschrieben, daß ich Zeit für ihn hätte. Ich erhielt die Antwort, daß er sich die Psychoanalyse aus finanziellen Gründen versagen müsse. Da ist nun wohl nichts zu machen.

     

  • S.

    Der Amerikaner Dr. Bibby ist angelangt. Er ist intellektuell und auch sonst besser als seine meisten Landsleute, aber dubios in Bezug auf Ausdauer und Prognose.
    Ein früherer Pat. von Ihnen, Cyrill Strauss aus Frankfurt, dem Sie empfahlen, zu mir oder im Falle meiner Verhinderung zu Alexander zu gehen, war vor acht Tagen bei mir. Ich mußte ihn etwas vertrösten. Er schrieb mir gestern, daß es ihm schlecht gehe; er möchte sofort in Behandlung und sei bereit, nötigenfalls zu Alexander zu gehen. Das wird nun auch geschehen müssen. Heute bekam ich einen Brief von einem Dr. Tauss in Witten- berg, dem Sie ebenfalls meine Adresse gegeben haben. Er kommt demnächst zur Besprechung hierher. Noch eine andre ähnliche Anfrage kam kürzlich, auf die ich mich nicht gleich besinne. Also herzlichen Dank für Ihr freundliches Gedenken!
    Roheims Vorträge, die diese Woche zu Ende gehen, haben mir viel Anregung gebracht. Es ist traurig, daß man für ihn nichts tun kann, um seine Existenz zu sichern.
    In einigen Tagen schicke ich Rank das versprochene Manuskript (Analcharakter), von dem ich hoffe, daß es einiges brauchbare Neue enthält. Dann soll der

  • S.

    Kongreßvortrag in erweiterter Form so bald wie möglich folgen; übrigens habe ich zum Thema der Manie-Depression noch einige neue Funde gemacht.
    Unser hiesiger Kreis hat für diesen Winter eine angenehme Bereicherung erfahren durch Ophuijsen und Radó. Letzterer ist nach dem Kongreß hier geblieben, macht einstweilen ein paar Unterrichtsanalysen und wartet, bis bei mir eine Stunde für ihn frei wird. Wir sahen heute Nachmittag einen sehr netten Kreis bei uns in der Wohnung, darunter auch Delgado. Er wird in einiger Zeit auch nach Wien kommen und möchte in die dortige Gruppe eintreten, um als Mitglied der Internationalen Vereinigung die südamerikanische Gruppe gründen zu können. Er ist gut unterrichtet, sehr bescheiden und sympathisch.
    Mit den herzlichsten Grüßen für Sie, lieber Herr Professor und die Ihrigen
    Ihr Karl Abraham

    Um Ihre Korrespondenz nicht zu vergrößern, möchte ich betonen, daß dieser Brief keiner Antwort bedarf.