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S.
[Briefkopf V Berlin] 4. 4. 20
Lieber Herr Professor,
Das war eine recht üble Enttäuschung! Jetzt könnte ich mit Ihnen und allen nächsten Freunden zusammensein, wenn nicht die tausend Schwierigkeiten des Reisens wären! So will ich wenigstens meinem Telegramm einige Zeilen folgen lassen. Leider kam die telegraphische Einladung zu spät! Ich mußte mich am Montag zunächst photographieren lassen und die vier zur Verfügung stehenden Tage zu den verschiedenen Gängen benutzen, bis ich von den einheimischen Behörden alles hatte, was man braucht. Aber leider muß man außerdem das österreichische und das tschechische Visum haben. Der Andrang vor Ostern war auf beiden Konsulaten enorm, und so zog ich unverrichteter Sache ab. Ich war durchaus auf den einzigen Zug angewiesen, der am Sonnabend früh über Prag geht. Wäre das ein täglicher Zug, so hätte ich ja noch heute (Sonntag) reisen können, aber er geht erst wieder am Dienstag. Und die Züge über Bayern waren ganz unmöglich, weil man entweder in Regensburg oder in Passau liegen geblieben wäre. Wäre Ihre Einladung nur ein paar Tage früher gekommen, oder hätte ich einen Paß vorrätig gehabt, Bund demnach nur ein Visum der Konsulate gebraucht, so wäre alles glatt gegangen! Nun werden wir uns wohl erst im Herbst sehen. -
S.
Ich habe in den letzten Wochen viel zu Papier gebracht; der Generalstreik schränkte meine Praxis vorübergehend auf die Hälfte ein, und da hatte ich genügend freie Zeit. Der etwa 20 Seiten umfassende Artikel für die »Neue Rundschau« ist abgeliefert; er heißt: »Die Psychoanalyse als Erkenntnisquelle für die Geisteswissenschaften« und erscheint im Juni oder Juli. Die Denkschrift für das Kultusministerium liegt fertig und soll nach Ostern abgehen.
Mein Ärzte-Kursus nähert sich seinem Ende. Er ist infolge zu später Anzeige nur schwach besucht (zehn Hörer). Ich habe aber für uns zwei gute Akquisitionen gemacht, die mir wichtiger sind als eine Wirkung in die Breite. Ein junger Kollege, Dr. Alfred Gross, Assistent von Bonhoeffer, ist begeisterter Anhänger unsrer Sache geworden und wird wahrscheinlich in einiger Zeit seine Ausbildung an der Poliklinik beginnen. Außerdem habe ich eine vor dem Examen stehende Kollegin als Hörerin, die schon vor dem Kurs orientiert war und sich bestimmt der Psychoanalyse zuwenden wird, und zwar mit dem speziellen Ziel, Kinder zu behandeln. Ich muß vor allem sehen, jüngere Kollegen heranzuziehen und hoffe, daß der nächste Kurs in dieser Hinsicht erfolgreicher sein wird.
Nun muß ich Ihnen und den Ihrigen allen noch zu Ernsts Verlobung meiner Frau und meine Glückwünsche sagen! Wir haben E. seit seiner Rückkehr noch nicht gesehen, hoffen aber bald darauf, und möchten auch gern seine Braut kennen lernen.
Mit herzlichen Grüßen, auch für die etwa noch in Wien befindlichen Komitee-Mitglieder
Ihr Karl Abraham
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