-
S.
Allenstein, 11. 2. 17. Lieber Herr Professor, Bald nach Ihrem Brief traf von Karger die neue Auflage der Psychopathologie ein, die ich inzwischen durchgelesen habe. Ich finde sie in vielem bereichert. Ein kleines Bedenken will ich nicht unterdrücken: die von andern Autoren übernommenen Beispiele scheinen mir nicht alle bis zu gleicher Tiefe analysiert wie Ihre eigenen. Um ein Beispiel herauszugreifen: das Verschreiben S. 102 Levitico statt Levico scheint mir nicht genügend erklärt. Dieser Einwand gilt nur für gewisse Beispiele, nicht für die von Ferenczi, Jones etc. Zu einer Ihrer eigenen Mitteilungen (S. 96, Verschreiben bei einer Geldsumme) eine Frage! Sollte nicht die alte Sitte des »Zehnten«-Gebens im Spiele sein? Einen hübschen Fall von Briefe-Verwechseln (S. 186) will ich Ihnen bei dieser Gelegenheit erzählen; mir berichtete ihn ein Patient, der bei dem Kollegen Ri.[klin] in Zürich in Behandlung gewesen war. Als der Patient von Z. in seine Heimat zurückgekehrt war, bekam er von Ri. einen an die Kantonalbank in Z. gerichteten Brief: ob dort schon Ader Betrag von so und so viel Francs eingegangen sei? Statt dessen war ein Brief mit ärztlichen Ratschlägen in dem Couvert abgegangen, welches an die Bank adressiert war. Eine originelle Form der Mahnung an den Patienten!
-
S.
Wenn es mir gelingt, hier Grimms Wörterbuch oder sonst einige einschlägige Literatur zu bekommen, so möchte ich demnächst einen kleinen philologischen Beitrag zum selben Thema liefern. Das wäre dann mein Dank für Ihre Sendung, den ich heute nur mit ein paar Worten abstatten kann. Ophuijsens Nachricht wird auch Sie sehr erfreut haben. Van Emden hatte früher Bedenken gegen die Gründung eines Ärzte-Vereins, solange einige zu Jung neigten. Seit Oph.’s Mei- nungsänderung scheinen die Schwierigkeiten behoben zu sein. Ich setze in mancher Hinsicht recht große Hoffnungen auf die Neugründung. Die letzte Nummer der Imago habe ich noch nicht in Händen, sah sie aber bei Liebermann und bin nun gespannt auf Ihren darin befindlichen Aufsatz, von dem ich noch gar nichts wußte. Sehr freute es mich, von Ihnen allen so Gutes zu hören. Bleibt denn Ihre Tochter Sophie mit dem Kleinen dauernd, d.h. bis zum Kriegsschluß in Wien? Von Eitingon hörte ich seit sehr langer Zeit nicht mehr. Ist Rank noch in Krakau? Uns geht es hier unverändert, trotz der langen, schweren Kälteperiode im rauhen Ostpreußen. Möchte die neue, gewaltige Aktion zur See uns den Frieden bringen! Ein Sieg über England ist sicherlich das radikalste Mittel dazu; ich sehe die Aussichten sehr günstig an. Mit herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus Ihr Karl Abraham
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F6