• S.

    Allenstein, 12. 11. 16 Lieber Herr Professor, Ihr letzter Brief harrt seit Wochen der Beantwortung. Ein Grund dafür ist zwar meine Überlastung mit Arbeit, aber dazu kommt das Unbehagen, daß ich Ihnen seit langer Zeit immer nur von kleinen, persönlichen und familiären Dingen berichten kann. Es war ganz anders, als ich die Freude hatte, Ihnen oft von wissenschaftlichen Fortschritten berichten zu können und immer in Spannung war, wie Sie sich zu dem Mitgeteilten stellen würden. Mein Urlaub im September war ziemlich reich an Eindrücken. Zuerst war ich mit meiner Frau acht Tage an der Ostseeküste, die in Ostpreußen von wunderbarer Schönheit ist. Dann brachte ich eine Woche bei meiner Mutter in Bremen zu. Von dort fuhr ich nach München. Vom Kongreß ist nicht viel zu berichten. Von Bekannten traf ich nur Dr. Weiss aus Wien. Es fiel uns bei der Diskussion über die Neurosen auf, wie die offizielle Neurologie allmählich dies und jenes von uns übernimmt, ohne sich und der Welt über die Quelle Rechenschaft zu geben. Nach dem Kongreß machte ich für einen Tag in Regensburg Station und genoß so viel wie möglich

  • S.

    von dem, was an Spuren der Römer und des Mittelalters hier zu sehen ist. Dann ein Tag Berlin, und zurück nach Allenstein. Die Mitarbeiterschaft des Kollegen Liebermann, der sich mit großem Eifer eingearbeitet hatte, wurde leider bald unterbrochen, da er an einer üblen Otitis mit Labyrinthbeteiligung erkrankte. Jetzt ist er auf Besserung. Ich hatte inzwischen das auf 77 Betten vergrößerte Lazarett allein zu versehen. Meine Familie ist nun gerade ein halbes Jahr bei mir. Beide Kinder gehen jetzt hier in die Schule; der Junge berechtigt zu guten Hoffnungen. Wenn Ihre beiden Söhne noch in den Alpen sind, haben Sie wohl neuerdings eine etwas leichtere Zeit gehabt; ich freue mich, daß beide auch mit ihrer Gesundheit so gut standhalten. Geht es Ihrem Schwiegersohn noch nicht besser? Und wie den Ihrigen daheim? Wann kommt die zweite Lieferung Ihrer Vorlesungen? Demnächst erscheint nun wohl auch die erste meiner beiden Arbeiten in der Zeitschrift? Und noch eine Frage: reisen Sie etwa wieder wie vor zwei Jahren um Weihnachten nach Hamburg? Und wie wäre es mit der Möglichkeit eines Zusammentreffens? Von meiner Frau und mir die herzlichsten Grüße für Sie und die Ihrigen alle hinzufügend, Ihr Karl Abraham