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[Briefkopf VI Berlin] 3. 5. 23
Lieber Herr Professor,
Die Beantwortung Ihres Briefes verbinde ich mit den herzlichsten Wünschen zu Ihrem neuen Lebensjahr. Aber seien Sie nicht böse, wenn ich Sie gleich auf einen Widerspruch in Ihrem Brief aufmerksam mache! Sie wünschen, daß mir mein Optimismus erhalten bleiben möge und raten mir im nächsten Satz, mich an den Gedanken zu gewöhnen, daß auch Ihre Lebenskraft ihre Grenzen habe.
Wie soll ich das beides auf einmal zustandebringen? Also, da beides zugleich unmöglich ist, wähle ich das erstere, stelle mich kurz entschlossen auf den Standpunkt der Allmacht der Wünsche und gebe der Überzeugung Ausdruck, daß das neue Lebensjahr Ihnen alles an Frische und Gesundheit bescheren werde , was Ihren Jahren nur irgend adäquat ist. Auch werden Sie mir, wenn Sie ein Psychoanalytiker sind (um mit Stekel zu reden), zugestehen müssen, auf die Überdeterminiertheit meines Glaubens hinzuweisen. Ich bin gerade in der Lektüre Ihres Buches begriffen, für dessen -
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Zusendung ich Ihnen noch danken muß, und meine, es zeuge von einer so ungebrochenen Rüstigkeit, daß wir alle, die wir an Ihnen hängen, uns nur von Herzen freuen können. Den andern Grund zu meiner Überzeugung nehme ich aus mir selbst, denn wie schon manches Jahr, ist mein Geburtstag der Tag, an dem ich Ihnen zu dem Ihrigen schreibe. Und so belade ich diesen Brief mit einem Maximum an Zuversicht und bitte Sie nur, es durch Introjektion geeigneter Verwendung zuzuführen!
Auch wir denken für den August an Südtirol, und speziell an das Grödner Tal (St. Ulrich oder Wolkenstein). Ich bin neugierig, wie sich unser Zusammentreffen Ende August gestalten wird.
Von Ophuijsen habe ich, seit er vor einem Monat fortging, noch keine Nachricht. Sachs wird Ihnen Pfingsten über die Vorgänge Genaueres sagen können. Ich selbst bleibe Oph. zu wirklichem Dank verpflichtet, denn die Psychoanalyse bei ihm hat me ner Tochter wirklich sehr gut geholfen.
Von hier auch heute nur Gutes. UnsreKurse haben begonnen, mit sehr erfreulichem Zuspruch. Der Eifer unter den jungen Mitgliedern und Gästen unsres Kreises ist vortrefflich. Unter ihnen macht sich auch Lampl sehr! Meine Wiener Analysandin (Frau Dr. D.[eutsch]) -
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stellt mir keine leichte Aufgabe, aber ich erwarte ein gutes Resultat. Ebenso mit Radó, der ganz ausgezeichnete Eigenschaften hat, die nur von dem neurotischen Beiwerk befreit werden müssen. Beide Analysen sind nicht leicht, aber es gilt da, nicht bloß zwei Neurosen zu beseitigen, sondern auch für unsre Sache zwei ungewöhnliche Begabungen von ihren Hemmungen zu befreien. Hoffentlich gelingt es.
Von meinen wissenschaftlichen Ergebnissen der letzten Zeit zu schreiben ist mir heute nicht möglich. Ich arbeite die Manisch- Depressiven (Kongreßvortrag) jetzt aus und möchte sie eventuell zusammen mit der »Entwicklungsgeschichte der Objektliebe« als Beiheft der Zeitschrift publizieren. Aus letzterem Gebiet möchte ich die Grundideen im August in unserm kleinen Kreise vortragen. – In Oxford werde ich wohl über etwas aus der Psychologie der frühen Kindheit sprechen.
Zum Schluß für heute, lieber Herr Professor, noch ein Wort des Dankes für alles Freundliche und Anerkennende in Ihrem letzten Brief!
E tanti buoni auguri – für ein Lebensjahr, -
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