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[Briefkopf VI Berlin] 7. 5. 24
Lieber Herr Professor,
Unsre Briefe hatten sich gekreuzt. Um dies für ein zweites Mal zu verhüten, wartete ich mit Schreiben auf Ihre Antwort betreffend Amerika und sandte Ihnen zum gestrigen Tage nur einen telegraphischen Glückwunsch. Nun haben Sie mich durch Ihre beiden Briefe, besonders durch den zweiten, gerade am gestrigen Tage so reich beschenkt, als wäre ich das Geburtstagskind, und ich finde schwer die Worte, um Ihnen für alle Wärme und Herz- lichkeit, die Sie in Ihr Schreiben hineingelegt haben, zu danken. Seit ich weiß, daß eine sachliche Differenz nicht besteht, bin ich unendlich erleichtert. Denn auf mir hat ein halbes Jahr eine schwere Beunruhigung gelastet. Die Möglichkeit, daß ich in der Form fehlgegriffen habe, kann ich im Prinzip natürlich nicht bestreiten. Ich müßte auf vielerlei, was ich in unserm Briefwechsel bisher absichtlich nicht berührt habe, eingehen, wollte ich mein Verhalten ganz erklären. Ich glaube, das unterbleibt besser; statt dessen will ich versprechen, künftig alle Rücksicht walten zu lassen, die in der nicht ganz einfachen Situation erforderlich ist. -
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Ihren Glückwunsch zur Präsidentschaft, lieber Herr Professor, habe ich gern entgegengenommen. Wenn ich Ihnen dafür nochmals meine guten Wünsche zum neuen Lebensjahr ausspreche, so glaube ich mich berechtigt, mit den Wünschen eine weit größere Zuversicht zu verbinden, als Sie selbst es tun. Ich kann mir einigermaßen vorstellen, wie die dauernden Beschwerden von der Narbe aus die peinlichen Gedanken lebendig erhalten. Schon die Nötigung, an die Gesundheit zu denken, ist ja eine Plage, und der Ernst der vorjährigen Erkrankung ist mir nie zweifelhaft gewesen. Aber andrerseits ist nun ein halbes Jahr seit der Operation vergangen, ohne neuen objektiven Grund zur Besorgnis zu bringen, und neuestens melden mir meine verschiedenen Gewährsmänner – zuletzt waren es Jones und Hitschmann –, daß sie Sie über Erwarten gut und leistungsfähig angetroffen hätten. Haben meine Berichterstatter recht und bessern sich außerdem die Narbenbeschwerden mit der Zeit, dann würde ich die unendliche Freude haben, Sie in nicht zu ferner Zeit aufzusuchen und zur Genesung zu beglückwünschen. Ich lasse mich nicht so leicht darin irre machen, mir die Zukunft so vorzustellen. Und was die Wiener betrifft, so gebe ich ihnen zwei Jahre Zeit, um sich zum 70. Geburtstag noch etwas Besseres als die gestrige Ehrung auszudenken.
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Für die sehr eingehende Antwort über Amerika bin ich ganz besonders dankbar; ich war ganz gerührt über die Genauigkeit, mit der Sie alle Einzelheiten berücksichtigt haben. Unter den Umständen, wie Sie sie schildern – die ich bisher nicht ganz so genau kannte – kommt das Angebot ja nicht mehr ernstlich in Betracht. Ich bleibe also daheim, werde aber gelegentlich mit Ihrem Übersetzer in Madrid die Korrespondenz weiterführen, um wenn möglich im nächsten Frühjahr in Madrid Vorträge zu halten. Ein andrer Plan ist, jetzt Fühlung mit der internen Medizin zu gewinnen. Ich füge einen Zeitungsbericht bei, der zeigt, daß es bald so weit ist, in diesen Kreisen für unsre Sache einzutreten.
Da mich die Zeitschriften noch nicht erreicht haben, so habe ich Ihren neusten Aufsatz noch nicht gelesen; ich wußte aber schon von den verschiedenen angekündigten Artikeln und hoffe, sie bald lesen zu können. Die zwei ersten Bände der Gesamtausgabe in Ganzleder prangen in meinem Zimmer; es ist eine Freude, sie anzusehen.
– Von meinen Arbeitsplänen schrieb ich schon neulich. Auf Deutickes Anregung mache ich den Segantini zur 2. Auflage bereit; es ist mir ein unbehagliches Gefühl, daß -
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dieses Bändchen nicht, wie so manches andre, in den Besitz unsres Verlages übernommen wurde.
Morgen halte ich meinen ersten Kursvortrag, danach habe ich eine Zusammenkunft mit Max und Hanns. Wir wollen jetzt regelmäßig zusammenkommen.
Für den Sommer haben wir schon vor längerer Zeit eine kleine Wohnung in Sils-Maria (Engadin) gemietet, wo wir selbst wirtschaften werden – wenn man uns aus dem Lande läßt. Die Reise-Erschwerungen sind noch sehr groß.
Auf diesen Brief, lieber Herr Professor, erwarte ich keine Antwort!! Die Korrespondenz soll für Sie so wenig zur Plage werden wie Besuche in Ihrem Hause. Ich schreibe bald einmal wieder, wenn es etwas zu berichten gibt.
Noch einmal alles erdenkliche Gute wünschend und mit herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus bin ich Ihr
Karl Abraham
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