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    [Briefkopf VI Berlin] 4. 4. 24

    Lieber Herr Professor,
    Meine erste Reaktion auf Ihren gestern erhaltenen Brief war das tiefe Bedauern, daß Sie wieder gesundheitlich zu leiden hatten. Daß Sie sogar mit der Möglichkeit rechnen, dem Kongreß fernbleiben zu müssen, betrübte mich ganz besonders – in Ihrem wie in unser aller Interesse. Mein nächster Gedanke war dann:
    die Besprechung vor dem Kongreß könnten wir andern unter uns halten und Ihnen bei Ihrer Ankunft das Resultat berichten. Sie wären damit allem entzogen, was etwa nachteilig auf Ihr Befinden wirken könnte. Wenn Sie diesem Vorschlag zustimmen, werden alle andern es auch tun. Inzwischen höre ich nicht auf zu hoffen, daß Ihre Unpäßlichkeit bald vorübergeht, sodaß wir Sie zum eigentlichen Kongreß doch erwarten dürfen.
    Im weiteren gibt Ihr Brief einem Mißtrauen gegen mich Ausdruck, das mir überaus schmerzlich, zugleich aber befremdend ist. Ich glaubte den Briefwechsel, den wir vor einiger Zeit hatten, in zufriedenstellender Weise abgeschlossen, und plötzlich muß ich die schwersten Vorwürfe hören! Aber ich darf bekennen, daß Ihr Brief bei

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    mir auch nicht den Schatten eines Schuldgefühls hervorgerufen hat. Es ist mir ein Leichtes, Ihnen, lieber Herr Professor, nachzuweisen, daß ich das Opfer einer Erinnerungstäuschung bei Ihnen bin, und daß alles, was Sie gegen mich vorbringen, auf einer Verschiebung der Tatsachen zu meinen Ungunsten beruht. Ihr Hauptvorwurf lautet, ich hätte eine Verständigung von Person zu Person suchen sollen; indem ich eine solche vermied, hätte ich an Sándor und Otto unfreundschaftlich gehandelt. Dieser Vorwurf wäre berechtigt, wenn ich spontan an Sie, lieber Herr Professor, geschrieben hätte, um Ihnen meine Bedenken mitzutei-
    len.  Die Sache liegt aber genau umgekehrt . Sie selbst haben am 15.  Februar einen ausführlichen Rundbrief an uns alle gerichtet, und jeder hat darauf in seiner Weise geantwortet; ich in der mei-
    nigen, was doch wohl mein Recht war. Auf Ihren ausdrücklichen Wunsch habe ich dann Näheres mitgeteilt. Es liegt also keinerlei Verhalten auf meiner Seite vor, das wie ein Umgehen andrer oder wie eine Einflüsterung aussähe, sondern nur eine legitime Reaktion auf Ihr Rundschreiben! Also schon diese »Schuld« fällt völlig dahin.
    Die weitere Erinnerungstäuschung auf Ihrer Seite betrifft den Zweck der Zusammenkunft vor dem Kongreß.

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    Sie schreiben, ich wolle einen »Vortrag« halten, um Sie zu »warnen«. Gewiß, in zwei Briefen habe ich eine Warnung ausgesprochen. Aber der
    Zweck der Zusammenkunft  war, wie ich brieflich ganz ausführlich erklärt habe, die freie Diskussion unter uns allen, um die Einigkeit im Komitee wiederherzustellen!
    Sie haben mich damals auch richtig verstanden und mir geantwortet: »darum bin ich mit der vorgeschlagenen Diskussion voll einverstanden«. Nachträglich erst hat sich eine Mißdeutung meiner Absicht eingeschlichen, und nun stehe ich als Friedensstörer, ja als Zerstörer des Komitees da. Also nun zu diesem dritten Punkte! Das Komitee wäre in San Cristoforo im vorigen Jahre unbedingt zerfallen, wenn nicht  ich
    es zusammengehalten hätte. Ich habe während jener Tage mit aller Hingabe daran gearbeitet, diese mir so wichtige Institution zu erhalten und Sie, lieber Herr Professor, nicht den Zerfall des Komitees erleben zu lassen. Sie müssen sich auch erinnern, daß ich in Lavarone eifrig bemüht war, die Gegensätze zu klären und zu schlichten. Wir nahmen auf dem Postplatz in Lavarone Abschied voneinander, froh, daß wenigstens dies erreicht war. Und ich sollte das Komitee zerstören wollen? Wiederum kann nur eine Auslöschung alles dessen, was zu meinen

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    Gunsten spricht, in Ihrem Gedächtnis vorgegangen sein. Die Mahnung, es sei an mir, den Zerfall des Komitees zu verhüten, entspricht wirklich nur dem, was ich als meine vornehmste Aufgabe betrachtet, als ich meine letzten Briefe schrieb.
    Und dann endlich: es könne doch nicht meine Absicht sein, die Internationale Vereinigung zum Einriß zu bringen! Lieber Herr Professor, ich kann getrost von mir sagen, daß es in meiner zwanzigjährigen Zugehörigkeit zu unsrer Sache noch niemals einen Tag des Schwankens in meiner Stellung zu ihr gegeben hat. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß ich an der Organisation der Berliner wie auch der Gesamt-Vereinigung aufopfernd mitgearbeitet habe. In den letzten Monaten noch habe ich fast die ganze Last der Kongreß-Vorarbeiten getragen, in der Hoffnung, damit etwas besonders Harmonisches zu schaffen, um Ihnen einen besonders freudigen, ermutigenden Eindruck zu geben. Und im Stillen war ich mit Plänen für die Vereinigung beschäftigt, mit denen ich Sie beim Kongreß erfreuen wollte – – und ich gerate bei Ihnen in den Verdacht, die Vereinigung auflösen zu wollen.
    Was ich getan habe, weiß ich recht wohl! Ich habe die vorhandenen Gefahren für die Psychoanalyse, für unser Einvernehmen im engsten Kreise und für die gesamte Sache Ihnen offen vor Augen geführt. Ich wußte, wie

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    schmerzlich das alles Ihnen sein würde. Sie wissen aber auch aus meinen Briefen, wie schwer mir das geworden ist. Und ich fügte hinzu, ich setzte mich einer ähnlichen Reaktion Ihrerseits aus wie damals, als ich zum ersten Male auf unerwünschte Wahrheiten hinwies. Sie, lieber Herr Professor, wehrten heftig ab, daß ich irgendwie mit einer affektiven Reaktion zu rechnen hätte, gaben mir zu, daß meine Bedenken Ihnen nicht gar so fern lägen, und stimmten meinem Vorschlag der Diskussion zu. Aber jetzt, vier Wochen später, ist die Reaktion nun doch da!
    Ich fühle mit aller Sicherheit: eine Unterredung mit Ihnen, lieber Herr Professor, würde in wenigen Augenblicken Ihren Argwohn zerstreuen. Diese Lösung ist im Augenblick unmöglich. Aber ich weiß gut genug: für die Dauer können Sie meine Gesinnung und meine Absichten nicht derart verkennen; im Gegenteil bin ich sicher, daß Sie Ihr Urteil eines Tages ändern werden. Für jetzt nur noch einmal die Versicherung, daß ich zu einer Zusammenkunft – auch wenn Sie nicht an ihr teilnehmen – ohne alle polemischen Absichten kommen werde. Ich rechne damit, auch bei der Zusammenkunft von einem Teil der Komitee-Mitglieder

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    mit demselben Mißtrauen behandelt zu werden wie von Ihnen. Das Unbehagen, das aus ganz bestimmten Quellen stammt, wird eben auf den abgeladen, der freimütig auf diese Quellen hingewiesen hat. Aber eben, weil ich mir mit aller Bestimmtheit bewußt bin, allen gegenüber loyal gehandelt zu haben, sehe ich auch diesen Reaktionen mit Ruhe entgegen. Ich halte es auch weiter mit meinem Freund Casimiro und bin deshalb auch jetzt in alter Treue
    Ihr Abraham