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Allenstein, 13. 11. 15 Lieber Herr Professor, Ihr Brief vom 7. ist nur drei Tage gereist; die Korrektursendung folgte gestern nach. Herzlichen Dank für beides. Ich freue mich vor allem, daß Ihre Söhne alle bisherigen Gefahren so glücklich und zugleich rühmlich überstanden haben. Ich atme seit ein paar Tagen auf. Ich hatte durch acht Monate den anstrengendsten Posten an dem hiesigen Lazarette, und habe nun die chirurgische Station endgültig verlassen. Ich bereite jetzt die Einrichtung einer Beobachtungsstation für psychopathische Soldaten vor, und werde voraussichtlich in Kürze eine rein psychiatrische und psychotherapeutische Tätigkeit haben, wie ich sie mir längst gewünscht hatte. Wahrscheinlich werde ich viel Gutachten zu schreiben haben, aber sicherlich wird mir Zeit zu analytischen Studien bleiben. Schon in diesen Tagen, in denen ich mit einem Dutzend Kranker beschäftigt bin, habe ich einiges Interessante über die Entstehung von Lähmungen bei Kriegsverwundeten herausgebracht. Namentlich werden – wenn sich tatsächlich alles nach meinen Wünschen macht – viele Psychosen durch meine Hände gehen, und ich hoffe dann auch auf eine wissenschaftliche Ausbeute in unserm Sinne. Sie, lieber Herr Professor, sprechen in Ihrem Briefe ganz mit Recht von meinem »Erwachen«. Aber bei einer Arbeitszeit von zehn Stunden und mehr am Tage,
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häufig gestörter Nachtruhe, dazu mit mancherlei andern Dingen belastet, konnte ich durch Monate bloß vegetieren. Wenn die Verhältnisse es erlauben, soll von meiner Seite gewiß nichts im Wege stehen, daß es jetzt anders wird. Die kleine Mitteilung hat mich sehr erfreut, obwohl ich den Fall schon kannte. Sie erzählten mir von der Geschichte, als Sie im Winter vor dem Kriege nach Hamburg fuhren, auf dem Lehr- ter Bahnhof in Berlin. Ich werde künftig diesen und ähnlichen Fragen bei meinem Krankenmaterial besonders nachspüren. Mit Freude sehe ich, daß unsre Zeitschriften sich trotz der schwierigen Zeit halten. Ich hoffe, bald wieder in die Reihe der Mitarbeiter eintreten zu können. Gelesen habe ich seit Monaten fast nichts; eine Ausnahme bildeten immer nur Ihre Arbeiten. Besteht wohl Aussicht, daß Sie mal wieder nach Berlin oder Hamburg kommen? Ich hoffe sehr, zu Weihnachten eine Woche Urlaub zu bekommen, die freilich für Berlin und Bremen schon fast zu knapp ist. Falls ich aber ein bißchen mehr Zeit hätte, ließe sich ein Zusammentreffen etwa in Breslau bewerkstelligen. Aber natürlich kann auch alles ganz anders kommen. Von [zu] Hause habe ich gute Nachrichten. Meine Frau erträgt die lange Trennung tapfer; auch all die Einschränkungen, die der Krieg mit sich bringt, sind nicht leicht zu ertragen. Das macht alles nichts. Im Prinzip ist der Feldzug längst gewonnen. Die andern wollen es nur noch nicht zugeben. Ähnlich wie es uns bei mancher schwierigen Behandlung geht. Auch diese Widerstände sind wir ja gewohnt, endlich weichen zu sehen. Mit herzlichen Grüßen, auch für die Ihrigen und die Wiener Freunde, Ihr Abraham
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