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[Briefkopf VI Berlin]A 7. 1. 23.
Lieber Herr Professor,
Es ist schön, wenn man den ersten Brief im neuen Jahre mit einem Glückwunsch einleiten kann. Meine Frau und ich haben heute Mittag Oliver und seiner Verlobten gratuliert und haben bei der allerdings flüchtigen Begegnung einen sympathischen Eindruck von ihr empfangen. Den Vater, Dr. F.[uchs], kenne ich seit langen Jahren aus der Praxis. Auch Ihnen und den Ihrigen sagen wir unsre besten Wünsche. Ich möchte bei dieser Gelegenheit bemerken, daß ich Oliver seit längerer Zeit entschieden zum Vorteil verändert finde, heiterer und viel weniger unruhig.
Ich habe Ihnen, lieber Herr Professor, noch für Ihre humoristischen Zeilen über mein Bild zu danken. Freilich kann ich Ihnen nicht restlos zustimmen. Der Maler ist unzweifelhaft sehr begabt. Ich hatte in seinem Atelier verschiedene Porträtzeichnungen von so glänzender Charakteristik gesehen, daß ich beschloß, mich von ihm zeichnen zu lassen. Ich wußte nicht, daß diese aus etwas älterer Zeit stammten und daß er inzwischen zur modernsten Richtung umgesattelt hatte. Ich neige keineswegs zu dieser objektfremden Richtung. Da das Bild einmal da war, wollte ich es unserm Kreise nicht vorenthalten. Wenn man es längere Zeit -
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hindurch öfter sieht, so kommt übrigens mehr und mehr Charakteristisches heraus. Um das Unrecht, das ich Ihnen angetan habe, wieder gut zu machen, beabsichtige ich, mich in einiger Zeit einem andern Künstler zu überantworten. Ende Februar soll ich in Hamburg einen Vortrag halten, und da gedenke ich einen auch von Ihnen approbierten Porträtisten zu Rate zu ziehen.
Ich freue mich, daß die Differenzen, die in den Rundbriefen zum Ausdruck gekommen waren, mit dem alten Jahre beigelegt sind. Sachs berichtete mir von den Besprechungen in Wien und
übermittelte mir auch Ihren Wunsch, die Berliner Briefe möchten auf Besprechungen unter uns dreien beruhen, sodaß sie ein Extrakt unsrer gemeinsamen Ansicht gäben. Das ist mir aus der Seele gesprochen! Aber Sie machen sich keinen Begriff davon, mit welchen Schwierigkeiten ich zu kämpfen habe. Sie wissen selbst, wie nachlässig Sachs in vielen Dingen geworden ist, und daß Eitingons häusliche Fixierung nicht zu durchbrechen ist. Ich habe beide ungezählte Male gebeten, mir doch zum mindesten Randbemerkungen zu den von auswärts eingehenden Briefen zu geben. Was ich erhalten habe, war einmal eine belanglose Notiz von E., und einmal von S. die Bitte, dem Komitee mitzuteilen, daß er die Grippe überstanden habe! Kommen wir einmal zusammen, dann wird alles gründlich durchgesprochen, aber das ist zu selten, und so kommt es, daß -
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der Briefwechsel meist von mir allein bestritten werden muß. Aber ich möchte doch glauben, daß nie etwas von irgendwie prinzipieller Bedeutung darin war, das von den andern nicht gebilligt wurde.
In den nächsten Tagen schreibe ich Rank wegen der »Kindersammlung« ausführlich. Die Tagesarbeit läßt einem so wenig Zeit für andres. Ich bin augenblicklich bei der Niederschrift eines kleinen Aufsatzes, der ein paar Beiträge zu den Schicksalen des Ödipus-Komplexes bringt. Ich sende ihn, wenn möglich, in dem Brief an Rank. Ich möchte in diesem Falle gern Ihre Ansicht haben, lieber Herr Professor, ob Sie mit den Resultaten übereinstimmen. Die Lektüre des Aufsatzes wird Ihnen nicht mehr als zehn Minuten nehmen, und eine besondre Nachricht ist nicht nötig; eine Bemerkung im Rundbrief genügt! – Was ich auf dem Kongreß vorgetragen habe, wächst sich mehr und mehr zu einer größeren Arbeit aus, die ich in den nächsten Monaten zu schreiben gedenke. Vielleicht kann sie als »Beiheft« erscheinen.
Zu meiner Freude hörte ich gestern von Storfer, daß man für den Verlag ein geeignetes Lokal gefunden hat. Wenigstens ein guter Anfang unter so schwierigen Verhältnissen! -
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Unsre Poliklinik erhielt von Frl. van der Linden, die mit Ophuijsens hier ist, ein Geschenk von 100 Fl., jetzt = 330,000 M., womit man auch jetzt noch etwas machen kann. Wir werdenuns im Laufe des Jahres irgendwie ausdehnen müssen. Die Behandlungsräume reichen nicht mehr aus, und ebenso geht es mit den Kursen nicht mehr in den alten Räumen.
Von der Entwicklung hier ist Gutes zu berichten. Gestern war ein junger Arzt aus Leipzig bei mir, der in Berlin eine Assistenzstelle angenommen hat, um sich zu Lernzwecken analysieren zu lassen. Ähnliche Fälle werden immer häufiger.
Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
Ihr Abraham
Bismarckallee 14
Berlin – Grunewald 14193
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Berlin – Grunewald
Wien 1090
Austria
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