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[Briefkopf VI Berlin] 26. 11. 23
Lieber Herr Professor,
Es war mir so schmerzlich zu hören, daß Sie noch eine Nach- Operation durchmachen mußten und demnach wieder noch ein Stück von der endgültigen Rekonvaleszenz entfernt sind. Die letzten Nachrichten lauten beruhigend, und so hoffe ich, daß auch diese Episode bald erledigt hinter Ihnen liegen wird.
Ich muß Ihnen nun sehr herzlich Dank sagen, daß Sie trotz Ihres leidenden Zustandes Zeit und Mühe an die Durchsicht meiner Arbeit wandten. Seit langem hätte ich Sie ja gern um Ihre Kritik gebeten, aber ich mochte Sie nicht mit dergleichen belasten. Nun haben Sie mit dem richtigen Kück sofort den schwachen Punkt, das Manie-Kapitel, herausgefunden. Ich habe es inzwischen durchgearbeitet und glaube, daß das Ganze dadurch sehr gewonnen hat. Bei dieser Umarbeitung bin ich mir dann auch über die Gründe des anfänglichen Mißlingens klar geworden. Ich bin aber froh, daß große, andre Teile des Manuskripts von Ihnen nicht beanstandet wurden, und ich war ganz gerührt, daß Sie mir die Kritik einiger Stellen durch etliche Anerkennungen am Schluß annehmbarer zu machen suchten. Vorgestern habe ich Rank noch einen kleinen, frisch gewonnenen -
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Nachtrag zur Maniefrage gesandt. Er bestätigt Ihre Auffassung vom »Fest«-Charakter der Manie in einer schlagenden Weise, zugleich aber auch die Feier der Befreiung des Ichs in Form der kannibalischen Handlung. Mein Patient äußerte nach Abklingen einer kaum dreitägigen hypomanischen Episode, er habe in ihr den Wunsch gespürt, sich einmal »in Fleisch satt und dumm zu essen.« Also ein Rausch des Fleischgenusses.
Eine kleine Arbeit über eine infantile Sexual-Theorie soll bald an Rank gehen. Dann kommt ein Artikel über einen pathologischen Hochstapler. Es sammeln sich immer ein paar Kleinigkeiten an, die man herunterschreiben muß.
Wir haben Frau Dr. Benedek in Leipzig als Mitglied aufgenommen, nachdem sie einen Vortrag über die Entwicklung der Gesellschafts-Organisation gehalten hatte, der ein sehr gutes Verständnis zeigte.
Die Lehrkurse sind gut im Gang. Sachs und Radó haben je ca. 40 Hörer, ich habe im Einführungskurs ca. 80, so daß ich aus der Poliklinik auswandern mußte. Ich habe nun einen schönen Hörsaal im »Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht«, das der Poliklinik gerade gegenüberliegt.
Augenblicklich liegen sechs Neuanmeldungen zu Lehranalysen vor; also die Psychoanalyse lebt in Berlin trotz der argen äußeren Verhältnisse.
Viele herzliche Grüße und alle guten Wünsche!
Ihr Abraham
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