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    Allenstein, Garnisonlazarett, 3. 6. 15 Lieber Herr Professor, Sie haben recht, es ist wirklich sehr lange her, daß ich Ihnen zuletzt geschrieben habe. Ihre Mahnung soll nun wenigstens Erfolg haben. Ich will Ihnen zuerst erzählen, was inzwischen vorgefallen ist. Die erste Mai-Woche verbrachte meine Frau bei mir. Wir verlebten schöne Tage zusammen, trotzdem ich durch den Dienst ziemlich stark in Anspruch genommen war. Kurz nach der Abreise meiner Frau kam Ihr Brief, aber etwa gleichzeitig die Nachricht, daß unser Kleiner unmittelbar nach dem Eintreffen seiner Mutter an Diphtherie erkrankt war. Das gab eine sorgenvolle Zeit, die nur dadurch gemildert wurde, daß ich täglich mit Berlin telephonieren konnte. Zeitweise war freilich auch dies infolge einer Verkehrssperre nicht möglich. Zwei Serum-Injektionen halfen unserm Patienten sehr gut. Er ist jetzt schon wieder ganz munter, muß nur noch ruhig gehalten werden und leidet noch an einer ganz leichten Albuminurie und einer Parese des Gaumensegels. – Die letzten 14 Tage hindurch war ich, zuweilen auch nachts, mit Arbeit überhäuft. Ich wartete vergeblich auf einen Tag zum ruhigen Schreiben. Heute ist durch das

     

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    Fronleichnamsfest ein sonntäglicher Betrieb im Lazarett, der mich endlich meinen Vorsatz ausführen läßt. Ich will zunächst noch meinen Bericht vom vorigen Male fortsetzen und Ihnen weiteres von unserm Kleinen erzählen, der wirklich eine Säule der Psychoanalyse ist. Wie ich glaube, erzählte ich Ihnen noch nicht, mit welchen Worten er mich im März nach Allenstein entließ. Wie Sie sich erinnern, hatte ich sein Vertrauen und seine Bewunderung durch die Geschichte mit dem Degen gewonnen. Beim Abschied sagte er nur: »Papa, vielleicht gewinnst du die Schlacht!« Das Beste, was er bisher geleistet hat, kam nach der Rückkehr meiner Frau aus Allenstein. Am Tage nach ihrer Ankunft waren die Geschwister meiner Frau zu Tisch erschienen. Während der Mahlzeit meldet sich der Knirps zum Wort: »Mama, wie du in Allenstein warst, habe ich immer einen Traum gehabt.« (»Traum« nennen beide Kinder ihre Wachträumereien). Arglos fragte meine Frau ihn, was er geträumt habe. Antwort: »Ich dachte mir immer, wenn die Mama vom Papa zurückkommt, ob dann wohl bald ein kleines Kind in ihr wächst.« Ich bemerke dazu, daß unsre Kinder über Schwangerschaft und Geburt in faßlicher Weise aufgeklärt sind, aber nicht über die Zeugung. Sie haben nie danach gefragt. Ich habe auch keinen Anhaltspunkt, woher der Kleine sonst etwas erfahren haben könnte und glaube, daß es sich um eigene Kombination handelt.

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    Über seine Eifersucht, seinen Wunsch die Mama allein zu haben, berichtete ich Ihnen schon. Zu dieser Machtvollkommenheit gehört auch das Kinderhaben mit der Mutter. Das gemeinsame Zimmer hat immer seine Neugierde erregt; er versuchte oft, morgens durch das Schlüsselloch zu sehen. Von einer nächtlichen Beobachtung kann bestimmt keine Rede sein; daß er dennoch richtige Ahnungen hatte, zeigt folgendes. Während der Diphtherie war er in seinem Zimmer isoliert. Als hernach desinfiziert wurde, mußte meine Frau ihn notgedrungen für zwei Nächte in unser Schlafzimmer nehmen, ehe er wieder zu seiner Schwester durfte. Er war ganz außer sich vor Glück. Schon vorher stellte er Fragen wie: Erlaubt denn das der Papa? Dann: Erlaubt er denn auch, daß ich mein Taschentuch unter sein Kopfkissen lege? (Hier liegt doch eine offenbare Verschiebung von seinen eigentlichen Wünschen auf ein »Kleinstes« vor.) Als endlich die ersehnte Nacht herbeigekommen war, hatte das Nachtschränkchen mit dem darin enthaltenen Gefäß eine magische Anziehungskraft für ihn. Er erwachte in den zwei Nächten oftmals, nur um es zu benutzen. Hier spielt eine der häufigen infantilen Theorien mit. Ich vermute, daß von dieser Seite her sich der »Traum« erklärt. Ich habe dafür noch andre Anhaltspunkte; aber es führt zu weit, das alles zu berichten. In der Melancholiefrage stimme ich Ihnen in der einen Beziehung jetzt vollkommen zu, nämlich daß

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    ich den Mechanismus, das Topische nicht genügend gewürdigt habe. Ein andrer Punkt bleibt noch: die in Ihrem kurzen Skriptum behauptete Übernahme der Vorwürfe, welche eigentlich einer andern Person gelten, aufs eigene Ich. Hier bin ich noch nicht überzeugt. Ich er- innere mich nicht, daß in dem Schriftstück ein eingehender Nachweis gegeben war. Wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht, wüßte ich gern brieflich noch genauer, wie Sie es meinen und erklären. Von den weiteren Arbeitsplänen las ich mit großer Freude, zumal in der Nachbarschaft Ihrer Bemerkung über das vollendete 59. Lebensjahr. Meiner guten Wünsche zu diesem Anlaß sind Sie, lieber Herr Professor, ja gewiß; nur ist die Allmacht der Gedanken noch nicht genügend eingeführt, als daß man von den guten Wünschen allein Ersprießliches erwarten könnte. – Noch besten Dank für den Artikel vom »Tod«. Er hat nur den einen Fehler, daß er nicht etwas ausführlicher ist. Ich meine das in doppeltem Sinne: 1.) weil ich gern noch mehr davon gelesen hätte, und 2.) weil das sehr knappe Resümee der Tabu-Totem-Arbeit auf den Fernerstehenden vielleicht nicht überzeugend wirkt. Ich hatte den Eindruck, daß Sie diesen Artikel nicht mit derselben Befriedigung wie sonst geschrieben hätten, und daß er darum nicht länger wurde. Anders die »Triebschicksale«. Ich muß Ihrem Urteil zustimmen, daß er etwas »dürr« ist; aber vorzüglich als

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    Grundlegung der folgenden gelungen! Ich hoffe, über Ihrer aller Ergehen Gutes zu hören, besonders auch über Ihre kriegführenden Söhne. Sind auch Ihre Schwiegersöhne jetzt draußen? Der Bruder meiner Frau ist seit kurzem als Rekrut in der Nähe von Königsberg. Vielleicht werde ich ihn mal sehen. Seit dem 1. Juni wohne ich als wachhabender Sanitätsoffizier im Lazarett. Es ist nicht ausgeschlossen, daß in einiger Zeit eine Nervenabteilung gegründet wird, die ich voraussichtlich zu leiten hätte. Doch ist alles noch unsicher. Auch mein Bleiben in Allenstein. Den großen Ereignissen folge ich immer mit demselben Optimismus. Die Stimmung hier ist auch durch Italien nicht erschüttert. Was der Krieg an Leistungen aus einem Volke herausholt, wenn es von allen Seiten angegriffen ist, das hätte man sich nie ausmalen können. Man muß an Analoges im Leben des einzelnen denken. – Nach dem Fall von Przemysl haben wir wohl weitere rasche Fortschritte zu erwarten. Mit den herzlichsten Grüßen für Sie und die Ihrigen Ihr Karl Abraham