• S.

    [Briefkopf V Berlin] 23. 11. 19

    Lieber Herr Professor,
    Heute haben meine Frau und ich versucht, Ihre Tochter vor der Abreise noch einmal zu sehen, leider vergeblich. Sonst bekämen Sie in einigen Tagen Grüße auf mündlichem Wege. Wir haben uns aber sehr gefreut, sie kürzlich einmal, zusammen mit Ihrer Schwägerin, an einem Nachmittag bei uns zu sehen. Nach und nach erscheinen die Ihrigen jetzt alle hier, und wir hoffen, demnächst wieder ein bis zwei zu Gesicht zu bekommen. Inzwi- schen gedenken wir Ihrer oft, wenn wir die trüben Berichte über Wien lesen, und hoffen, daß Sie an Wärme und Nahrung nicht allzu viel entbehren müssen.
    Auch ich finde es wünschenswert, daß einige Amerikaner zum Kongreß kommen. Aber die Abhaltung des Kongresses in Holland erscheint mir eine Unmöglichkeit, solange die deutsche und österreichische Valuta sich nicht wesentlich erholen. Und das wird bis zum Herbst kaum der Fall sein, während die Amerikaner bis dahin wohl keine Reiseschwierigkeiten nach Deutschland mehr haben dürften! Eine Reise mit mehrtägigem Aufenthalt in Holland ist jetzt kaum für 1500–2000 M. möglich, und das können nur wenige aufwenden.

     

  • S.

    In Österreich liegen die Verhältnisse noch ärger. Von dort würde für die meisten schon die  Fahrt
    unerschwinglich sein. Ein Kongreß unter Ausschluß der meisten Österreicher, Ungarn und Deutschen wäre kein Kongreß mehr. So scheint mir alles für Berlin zu sprechen. – Was die Vortragswoche betrifft, so warten wir hier ab, was von Jones bezüglich des Kongresses verlautet.
    Über unsre Poliklinik-Sache hält Eitingon Sie gewiß auf dem laufenden. Es scheint, daß der Plan seiner Verwirklichung nahe ist.
    Wenn Sie über Ferenczi und Freund Neues wissen, teilen Sie es mir bitte mit! Wir sind von Budapest völlig abgeschnitten. Als Mitredakteur der Zeitschrift möchte ich noch einmal Bedenken dagegen äußern, sie allzu sehr zu belasten. Ich finde noch immer, daß die Abschaffung des Jahrbuches ein Fehler war. Gerade jetzt, da wir einen eigenen Verlag haben, sollte neben der Zeitschrift, die man abonniert, ein Jahrbuch existieren, das man
    sich zur Orientierung über den Stand der Wissenschaft  kauft. Der Literaturbericht belastet die Zeitschrift unnütz. Die Beihefte mit größeren Artikeln finde ich nicht zweckmäßig. Ich glaube, wir sollten die Frage der Wiederherausgabe des Jahrbuchs nochmals erwägen.
    Eine kleine Arbeit von mir (»Zur narzißtischen

  • S.

    Bewertung der Exkretionsvorgänge in Traum und Neurose[«]) ist in Abschrift und geht in den nächsten Tagen an Rank. Den längst fertig gestellten Aufsatz über den weiblichen Kastrations-Komplex muß ich umarbeiten. Bei der Referate-Fabrikation habe ich entdeckt, daß die Literatur schon manches enthält, was ich neu zu bringen meinte. Ich habe während des Krieges die Literatur nicht genau verfolgt.
    Reiks Buch ist ausgezeichnet. Besonders der Schofar-Aufsatz ist überzeugend und hervorragend scharfsinnig. Rank sandte mir sein Mythenbuch. Was er leistet, ist wirklich erstaunlich. Ich fange jetzt an, die mir noch nicht bekannten Artikel zu lesen.
    Die Notwendigkeit eines sehr langen Arbeitstages läßt mir leider zu wenig Zeit zu wissenschaftlicher Tätigkeit – dasselbe Lied, das auch Sie, lieber Herr Professor, singen. Es kommt hinzu, daß ich in diesem Jahre noch keine Arbeitspause hatte und daher nicht so schreiblustig bin, wie ich es sonst wohl wäre. Wahrscheinlich werde ich Weihnachten auf ein bis zwei Wochen pausieren.
    Hoffend, gute Nachrichten von Ihnen zu erhalten, bin ich mit herzlichen Grüßen – auch von meiner Frau – für Sie alle
    Ihr Karl Abraham