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    Bln.-Grunewald, 27. 10. 25

    Lieber Herr Professor,
    Unser letzter Briefwechsel, der sich auf den Abdruck meiner kleinen Arbeit (»Hochstapler«) bezog, ist durch die Ereignisse überholt worden. Bereits vor mehreren Tagen hatte ich die Kor-
    rektur zu machen, sodaß an dem Erscheinen in Imago wohl nichts mehr zu ändern war. Auch scheint es, daß da notwendig eine Lücke auszufüllen war. Ich schreibe jetzt einen Aufsatz von ähnlichem Umfang, »Psychoanalytische Bemerkungen zu Coués Verfahren der Selbstbemeisterung«. Er lehnt sich an Ihre Massen-Psychologie an. Radó will ihn in der ersten Nummer 1926 bringen; ich werde also in diesem Heft auf andre Weise zu Wort kommen.
    Sie wissen, lieber Herr Professor, daß ich die Angelegenheit mit Storfer und Bernfeld sehr ungern nochmals erörtere. Aber ich befinde mich durch den Vorwurf der Schroffheit (in Ihrem Rundbrief) wiederum in der Lage, in der ich schon mehrfach war. Es hat in fast 20 Jahren zwischen Ihnen und mir nie Meinungsdifferenzen gegeben, außer wenn es sich um Personen handelte, an denen ich – sehr zu meinem Bedauern – Kritik üben mußte.

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    Es wiederholte sich jedes Mal der gleiche Vorgang: Sie gingen über alles Anfechtbare im Verhalten der Betreffenden mit Nachsicht hinweg, dagegen entlud sich auf mich aller Tadel, den Sie später dann als unberechtigt erkannten. Im Falle Jung lautete dieser Tadel »Eifersucht«, im Falle Rank »unfreundschaftliches Verhalten« und dieses Mal »Schroffheit«. Sollte nicht auch dieses Mal der Vorgang der gleiche sein: ich äußere eine Meinung, die im tiefsten Grunde die Ihrige ist, die Sie aber nicht zum Bewußtsein kommen ließen. Alle Unlust, die an dem betreffenden Tatbestand haftet, wendet sich als Unwillen gegen den, der auf ihn aufmerksam macht.
    Was ist denn geschehen, d.h. von Sachs’ und meiner Seite, das Ihnen einen so üblen »Nachgeschmack« hinterlassen konnte? Wir beide haben nie daran gedacht, einen psychoanalytischen Film zu
    verfassen und eine Gesellschaft zu suchen, die ihn herstellt.  Wir wurden von der »Neumann Produktion« zur Mitarbeit aufgefordert, weil man kompetente Analytiker wollte. Hätten wir abgelehnt, so wären alle »wilden« Analytiker Berlins gierig darauf eingegangen. Bei der »Ufa« lagen bereits »psychoanalytische« Film- Entwürfe minderster Sorte zur Prüfung. Übrigens habe ich, damals bereits krank im Bett liegend, Sie auf der Stelle informiert. Im weiteren ist von Sachs und mir nicht das Leiseste geschehen, das ethisch anfechtbar wäre.

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    Ich weiß, daß Sachs sich über die von Storfer lancierte Notiz sehr aufgeregt hat, aber das ist lediglich Temperamentssache. Ich muß aber sagen, daß er in diesen Monaten mit einem Eifer und einer Opferwilligkeit gearbeitet hat, die ihm niemand gleichgetan hätte.
    Auf der andern Seite stehen dem folgende Tatsachen gegenüber: 1.) die üble Notiz von der »Verballhornung«, die gegen Sachs und mich gerichtet war. 2.) das Ausbieten des Bernfeld-
    schen Entwurfs bei verschiedenen Firmen, von denen keine spontan an St. und B. herangetreten war. 3.) die Hinterhältigkeit in dem von Loyalität triefenden Brief an Sachs und mich, mit wel-
    chem gleichzeitig die erwähnte Zeitungsnotiz versandt wurde.
    Also ein unfaires Konkurrenzmanöver hinter dem Schleier der Freundschaft. 4.) Storfer schrieb an Eitingon, daß er sich seinen Anordnungen fügen werde. Als Eitingon solche gab, befolgte St. sie nicht. 5.) Der »Rücktritt« war eine leere Geste. Unmittelbar nach Abgabe der Rücktrittserklärung in Homburg nahm Storfer an einer Sitzung über Verlagsangelegenheiten teil (auch Fräulein Anna war zugegen) und ließ keinen Menschen zu Wort kommen, sondern entwickelte dauernd seine Zukunftspläne für den Verlag. Der »Rücktritt« war also ebenso unwahrhaftig wie alles andre. Ich sah dies sofort, erhob aber nicht Einspruch, weil ich den Frieden herstellen wollte.

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    (Schroffheit?) 6.) Bernfeld suchte mich mit den anfechtbarsten Argumenten zu einem Wortbruch resp. Vertragsbruch gegenüber der Neumann-Gesellschaft zu verleiten, immer mit dem Versprechen von riesigen Dollar-Summen jonglierend. Hernach verbreitete er in Homburg, ich wolle aus Geldgier seinen Film ausschalten. Dabei wußte er von mir, daß Sachs und ich nur ein mäßiges Fixum für unsre Arbeit erhielten und hatte
    darob die Ufa des Betruges bezichtigt, während er uns riesige Einnahmen zusicherte. Er verließ den Kongreß vorzeitig, weil er – nach eigner Äußerung – nicht ertragen könne, bei meiner Wiederwahl zum Präsidenten dabei zu sein. Eine wunderliche Wiederholung: Rank hatte in Salzburg genau das Gleiche geäußert und auch getan. 7.) die von Ihnen, lieber Herr Professor, bezweifelte Nachricht stammt keineswegs von der Ufa. Vielmehr hat der Leiter der einzigen Gesellschaft, die in Wien einen solchen Film machen konnte (Pan-Gesellschaft), Dr. Robert Wiene, mündlich an Sachs die Erklärung abgegeben, St. und B. seien an »Pan« her- getreten mit der Angabe, sie hätten ein Angebot von der Ufa, erwarteten aber in Homburg ein noch höheres von amerikanischer Seite. Die Verhandlungen nahmen ein rasches, negatives Ende.
    Das sind einige Hauptpunkte, die beweisen, daß auf jener Seite von Anfang an ein hinterhältiges und

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    unwahrhaftes Spiel getrieben wurde.
    Und wo ist die gerügte Schroffheit? Sachs und ich hatten eine Zurücknahme jener Pressenotiz verlangt; sie ist nicht geschehen.
    Die uns gegebene »Genugtuung« war St.’s Rücktritt, der – wie gesagt – nur eine Redensart war. Wir haben nachgegeben und alles getan, um die »Ufa« von jedem Vorgehen zurückzuhalten, und dies mit Erfolg. Ich stehe mit Storfer, wie neulich erwähnt, im Briefwechsel, so als ob nie etwas geschehen wäre. Wir haben also auf der ganzen Linie nachgegeben, und es war ein großer Irrtum, als Sie vor einiger Zeit von der »causa victrix der Ufa« schrieben. Was bleibt also übrig, das uns als Schroffheit ausgelegt werden könnte? Nur ein paar offne Äußerungen in den Rundbriefen (und in sonstiger Korrespondenz), die doch zur freien Aussprache bestimmt sind. Übrigens habe ich in Homburg, soweit meine Stimmittel das erlaubten, an allen Ecken und Enden vermittelt und geschlichtet, und mein gesamtes Verhalten innerhalb der Vereinigung macht es nicht wahrscheinlich, daß ich gegen ein paar Leute so hart und schroff sein sollte.
    So leid es mir tut, kann ich an meinem Urteil über Bernf. und Storfer nichts ändern. Ersterer ist ein begabter Mensch, bei dem aber die Grenzen zwischen Realität und Phantasie, zwischen idealistischer Wahrheitsliebe und triebhafter

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    Pseudologie ganz unscharf sind. Für Storfer habe ich stets persönliche Sympathien gehabt, seine Sonderbarkeiten in Hinblick auf seine frühere Krankheit immer geduldig in den Kauf genommen und mich in
    allen früheren Fällen mit ihm verständigt. Ich schätze auch seinen Eifer für den Verlag und seine guten Ideen; noch wenige Tage vor dem Erscheinen jener Zeitungsnotiz hatte ich ihm in freundschaftlicher Weise geschrieben und die Idee des Almanachs sowie ihre Durchführung im einzelnen aufs Wärmste anerkannt. Aber darüber besteht für mich kein Zweifel, daß dieser bedauernswerte Mensch in seiner Ambivalenz dem Verlag mit der einen Hand nützt und mit der andern schadet. Sie wissen besser als ich, in welche immer erneuten Schwierigkeiten der Verlag durch seine verkehrten Dispositionen gerät, und es fragt sich, ob nicht der Schaden den Nutzen reichlich aufwiegt. Ich vermag diese Frage nicht zu entscheiden.
    Diese ganze Sache ist für mich eine Bagatelle, über die ich gern längst zur Tagesordnung übergegangen wäre. Aber es schmerzt mich, wieder einmal Ihr Mißfallen erregt zu haben, und wenn ich auch sicher bin, daß Sie – wie früher – auch dieses Mal eines Tages Ihr Urteil über mich revidieren werden, so wollte ich doch meinerseits alles tun, um die Sachlage klarzulegen. Ich grüße Sie und die Ihrigen in unveränderter und unveränderlicher Herzlichkeit!
    Ihr Karl Abraham