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    Allenstein, 24. 10. 15 Lieber Herr Professor, Wir haben nicht bloß Anfang September das erhoffte Zusammentreffen verfehlt, sondern uns auch brieflich schon ziemlich lange nicht mehr gefunden. Bis in die letzten Tage gab es für mich bei Tag und Nacht kaum etwas andres als den Lazarettdienst. Endlich hat die Arbeit angefangen, ein bißchen abzuflauen. Als ich gestern zum ersten Male ein paar freie Nachmittagsstunden hatte, die nicht unbedingt zum Schlafen dienen mußten, habe ich mein lange begrabenes Manuskript hervorgeholt und ein paar Seiten geschrieben. Heute will ich Ihnen dies als gutes Zeichen melden; ich hoffe, daß ich sowohl unsre Korrespondenz als die wissenschaftliche Tätigkeit wieder werde aufnehmen können. Meine Frau hat sich über Ihren und van Emdens Besuch ganz besonders gefreut, und ich muß Ihnen, obgleich ich es vor einiger Zeit schon in Kürze tat, ebenfalls nochmals meinen herzlichen Dank sagen. Es ist über ein Jahr, daß wir uns nicht gesehen haben; leider sehe ich zunächst noch keine Möglichkeit, wie es sich einmal wieder bewerkstelligen ließe. Ich hoffe, Ihnen und den Ihrigen allen, zu Hause und draußen, geht es vollkommen nach Wunsch! Von uns kann ich auch Gutes melden, sogar von meinem Vater, der mit seinen 73 Jahren die schwere

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    Pleuritis überstanden hat, freilich noch sehr schwach ist und unter den Residuen leidet. Von unsren Bekannten höre ich wenig; allmählich ist die schriftliche Verbindung doch ganz unterbrochen. Von Eitingon und Ferenczi habe ich lange keine Zeile mehr erhalten. Wissen Sie, daß Stegmann gefallen ist? Er galt lange als vermißt. Es freut mich sehr, daß beide Zeitschriften sich halten. Wie schon gesagt, hoffe ich bald einen Beitrag (von ca. zwei Druckbogen) liefern zu können. Ich mag davon kaum schreiben, so oft habe ich Ihnen diese Sache in Aussicht gestellt. Wenn ich erst mehr freie Zeit habe, möchte ich gern auch Imago wieder einmal bedenken. Dadurch, daß Sachs in Wien bleibt und Rank vorläufig noch dort ist, auch einige ältere Mitglieder zurückbleiben, schläft dort wenigstens die gemeinsame Arbeit nicht ganz ein, so wie es bei uns der Fall ist. Rank schrieb mir, daß Sie in dieser Zeit die erste Wintersitzung hätten. Während ich hier in partibus infidelium sitze und mich immer mehr zum Chirurgen entwickle! Von Ihnen, lieber Herr Professor, hoffe ich bald wieder zu hören! Sicher haben Sie – wie immer – Neues in Menge zu berichten, indessen ich mich geniere, [daß ich] Ihnen nach so langer Zeit nicht das geringste Positive auf wissenschaftlichem Gebiet mitteilen kann. Doch vielleicht kommt es jetzt wieder anders. Mit herzlichen Grüßen für Sie und die Ihrigen alle Ihr Karl Abraham 29.10. Der Brief ist an mich zurückgekommen, weil ich ihn ver - schlossen hatte.