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[Briefkopf VI Berlin] 7. 10. 23
Lieber Herr Professor,
In den letzten Wochen habe ich dauernd mit Ihnen in der regsten Gedankenverbindung gestanden, die auch zweifellos genügend affektbetont war, aber doch keinen Ausdruck in einem Brief gefunden hat. Ich wußte, daß Sie meine Zurückhaltung nicht anders auslegen würden, als sie gemeint war. Nachdem ich nun aber erfahren habe, wie Sie sich selbst zu Krankheit und Operation stellen, halte ich es doch nicht länger aus und schreibe Ihnen. Aber ich verspreche im voraus, daß dieser Brief weiter gar nicht auf Ihren Zustand eingehen, ja nicht einmal gute Wünsche enthalten soll, außer denen, die Sie zwischen den Zeilen lesen werden. – –
Ich glaube in der kommenden Zeit nur eines tun zu können, um Sie zu erfreuen. Das ist die Lieferung von guten Berichten über den Stand unsrer Sache in Berlin. Und – immer vorausgesetzt, daß nicht ganz schlimme politische Verhältnisse unsre Tätigkeit lähmen – hoffe ich, daß sich mein Vorhaben wird durchführen lassen. Ich habe vor einigen Tagen im Rundbrief über unsre zwei ersten Sitzungen berichtet. Seitdem ist wieder einiges Gute zu verzeichnen. In diesen Tagen setzen wir unsre Leihbibliothek in Betrieb, die den Jüngeren die psychoanalytische -
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Literatur wird erschließen müssen. Sodann wird zu den schon angezeigten Kursen noch ein weiterer arrangiert, nämlich von Frau Dr. Klein über die Sexualität des Kindes für Kindergärtnerinnen etc.
Etwas Schönes ist in wissenschaftlicher Beziehung zu berichten. In meiner Arbeit über Melancholie etc., die als Manuskript bei Rank liegt, habe ich eine Ur-Verstimmung in der Kindheit als Vorbild der späteren Melancholie angenommen. Frau Dr. Klein hat nun in den letzten Monaten die Psychoanalyse eines dreijährigen Kindes mit Geschick und therapeutischem Erfolg durchgeführt. Dieses Kind bot getreu die von mir angenommene Ur-Melancholie, und zwar in engster Verknüpfung mit der Oral-Erotik. Der Fall bietet überhaupt erstaunliche Einblicke in das kindliche Triebleben.
Ich sehe mit Befriedigung, daß sich meine Vermutungen über die Zweistufung der anal-sadistischen Phase an neuem Material bestätigen. Mit einem meiner Melancholiker, den ich noch immer behandle, erlebte ich etwas sehr Merkwürdiges. Von der Reise kommend, fand ich ihn am Beginn einer neuen Depression aus Anlaß einer Enttäuschung durch seine Braut. Die Depression hatte nicht ganz mit der Wucht wie frühere Male eingesetzt, aber die Abstoßung des Liebesobjekts war in typischer Weise erkennbar. Rasches Eingreifen hatte nun den Erfolg, daß sich innerhalb 14 Tagen, von Tag zu Tag deutlicher, die Melancholie in eine Zwangsneurose -
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umwandelte, mit der hauptsächlichen Zwangsidee, die Mutter (Braut) erwürgen zu müssen. Im Gegensatz zu früher kein kannibalisch-oraler, sondern ein manueller Sadismus. Der Patient hat seine Arbeit bereits wieder aufgenommen, und ich habe den Eindruck, daß es hier gelungen ist, eine Melancholie in statu nascendi in eine relativ günstigere Krankheitsform umzulenken.
Darf ich noch ein bißchen von meinen Arbeiten weiterplaudern? Was ich in Lavarone über die Stadien der Objektliebe sagte, besonders über die partielle Einverleibung, findet jetzt sehr schöne Bestätigungen. Ich hatte angenommen, daß bei paranoiden und verwandten Psychosen eine Regression zu dieser Phase zu erweisen sei. Die Analyse einer Psychose, die Loofs in unsrer ersten Sitzung vortrug, brachte sehr schönes Beweismaterial. U.a. hatte die Patientin die Wahnidee, ein Affe sitze in ihr. Dieser Affe erwies sich mit absoluter Deutlichkeit als Penis des Vaters. – Damit mag’s für heute genug sein. Aber ich will noch schnell vom Gesamteindruck unsrer beiden ersten Sitzungen ein Wort sagen. Der Eifer des langsam wachsenden Kreises ist noch gewachsen, und ich habe wie noch nie zuvor das Gefühl, daß ich meine Leute fest beieinander halte. Die Anmeldungen von Vorträgen zum Kongreß drängen sich schon, sodaß man wird dämpfen müssen. -
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Und nun bloß noch die Bemerkung, daß ich selbstverständlich keine Antwort erwarte. Ich habe schon meine Quellen, aus denen ich höre, was mich interessiert. Vielleicht komme ich auch im November oder Dezember mal selbst nach dem Rechten sehen. Ich schließe rasch, um mein am Anfang des Briefes gegebenes Versprechen nicht zu brechen und bin
mit herzlichen Grüßen für Sie und die Ihrigen in alter Anhänglichkeit
Ihr Karl Abraham
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