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    Allenstein, 23. 9. 17. Lieber Herr Professor, Seit mehreren Wochen vermute ich Sie wieder in Wien, so wie auch wir wieder in Allenstein angelangt sind. Meine Frau und Kinder haben sich gut erholt, ich selbst mich wenigstens gut ausgeruht, doch haben meine alten Bronchialbeschwerden mir die Ferien etwas getrübt. Nach der Rückkehr ging Kollege Liebermann ebenfalls auf vier Wochen in Urlaub, sodaß ich sofort wieder eine große Arbeitslast auf mich nehmen mußte. Mit meinem gestörten Befinden in den Ferien und dem Übermaß an Arbeit seither hängt es auch zusammen, daß ich das in Aussicht gestellte Referat über die Vorlesungen nicht zustande gebracht habe. Unsre finanzielle Lage nötigt mich, neben meiner dienstlichen Arbeit noch etwas Praxis zu treiben. Die wissenschaftlichen Interessen kommen dabei natürlich zu kurz. In einigen Tagen fahre ich (offiziell entsandt) zum Neurologen-Kongreß in Bonn. Von unsern Freunden werde ich kaum einen sehen. Ich freue mich am meisten auf Kirchen und Museen in Köln und Bonn; nach dem Kongreß fahre ich auf einige Tage nach Bremen, um meine reichlich 70jährige Mutter zu besuchen, auf der Rückfahrt nach Allenstein noch auf einen Tag nach Berlin. Meine Frau trifft mich in Bremen. Hernach haben wir den unendlichen ostpreußischen Winter vor uns; da heißt es schnell noch ein paar

     

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    erfreuliche Eindrücke sammeln.Wissenschaftlich habe ich kaum etwas Eigenes zu berichten, außer etwa, daß mir verschiedene, nur ganz oberflächlich untersuchte Zwangsneurosen frappante Bestätigungen hinsichtlich Sadismus und Analerotik gebracht haben. Die andern aus dem engeren Kreise der Getreuen hatten in diesem Sommer Gelegenheit, mit Ihnen zusammenzutreffen. Leider muß ich das seit genau drei Jahren entbehren. Denn so lange ist es, seit Sie 1914 mit Ihrem Herrn Bruder in Berlin waren! Ich nehme mir zwar immer wieder vor, gleich nach Friedensschluß das Versäumte nach Möglichkeit nachzuholen. Aber solange die »Ohnmacht der Gedanken« noch herrscht, wird es beim Wünschen bleiben. In meinem Lazarett arbeitet seit kurzem ein junger Arzt namens Rudberg mit, der für die Psychoanalyse sehr interessiert ist und sich ihr dauernd ergeben will. Zu meiner Freude höre ich, daß unter den jungen Ärzten das Interesse für unsre Sache zunimmt und daß psychiatrisch Interessierte den Wunsch hegen, an mein Lazarett versetzt zu werden. Da ich einstweilen nicht dazu komme, mich in der Zeitschrift über Ihre Vorlesungen zu äußern, will ich brieflich ein paar Worte äußern. Der dritte Teil enthält so viel Wundervolles, daß ich kaum Beispiele hervorheben kann. So vieles ist in neue Zusammenhänge gebracht, so viel neue Ideen und Ausblicke eröffnen sich, daß ich erst nach nochmaligem Lesen ein Urteil über das Ganze gewinnen kann.

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    In Anbetracht meiner knappen Zeit kann ich mir den Genuß der Lektüre nur kapitelweise gestatten, werde ihn aber umso besser auskosten. Ich finde, das 19. Kapitel ist wohl der Höhepunkt des Ganzen; ich darf sagen, daß dieses einen so starken Eindruck auf mich gemacht hat wie kaum irgendeine von Ihren Schriften. Von den letzten Vorlesungen ließe sich ähnliches sagen. Daß der Krieg Ihnen die Muße zur Redaktion der Vorlesungen gegeben hat, dafür werden wir alle erst nach dem Kriege recht dankbar sein. Denn wir dürfen hernach wohl einen raschen Aufschwung unsres Ansehens erwarten, und für die neuen Adepten ist dann endlich die bisher fehlende Einführung geschaffen (wenngleich ich glaube, daß die Eingeweihten aus den »Vorlesungen« noch viel mehr entnehmen werden als die Neulinge). Während der schweren Kämpfe an der italienischen Front haben meine Frau und ich oft Ihrer Söhne gedacht. Ich hoffe von Herzen, daß sie unversehrt geblieben sind, und daß es auch Ihnen daheim allen wohl ergeht. Ich danke Ihnen für Ihre Berichte über alle Freunde, die in Csorbató bei Ihnen waren. Leider kommt man durch die lange Trennung so sehr außer Fühlung. Gern wüßte ich, wo Reik stecken mag (noch in Montenegro?) und wie es Ferenczi geht. Hören Sie noch von Jones? Im Stillen hoffe ich, daß vielleicht von den Holländern einer nach Bonn zum Kongreß kommt. Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen für Ihrer aller Ergehen, auch von meiner Frau, Ihr Karl Abraham