• S.

    Allenstein, Kreuzstr. 2, 10. 12. 16. Lieber Herr Professor, Wieder liegt eine Zeit übermäßiger Anstrengung hinter mir. Mein Mitarbeiter Liebermann erkrankte an einer schweren Otitis, ist jetzt auf Besserung, aber ich mußte inzwischen bis zu 90 Neurosen und Psychosen allein behandeln und fühle mich recht angegriffen. Heute kann ich ein bißchen aufatmen, da ich provisorisch einen andern Gehilfen erhalten habe. Sonst geht es uns hier gut. Es freute mich sehr, von Ihnen und den Ihrigen das gleiche zu hören. Ihre Hamburger Gäste helfen Ihnen sicher über die schwere Zeit gut hinweg. Von dem Kleinen ist es sehr anzuerkennen, daß er sich bemüht, durch Lieferung von »Material« seinem Großvater die Gastfreundschaft zu danken. Übrigens kann ich von unserm Sechsjährigen berichten, daß er sich heute sehr angelegentlich erkundigte, ob man seine Schwester heiraten kann. Nächstes Mal hoffe ich, von den weiteren Kriegsschicksalen Ihrer Söhne und Schwiegersöhne zu hören, und zwar recht Gutes! Die Zeitschrift mit meinem Beitrag ist noch nicht angelangt. Daß Sie die Vorlesungen zu Ende geschrieben haben, freut mich ganz besonders; in Ihrem Interesse,

  • S.

    weil Sie nun wieder für Neues frei sind, in meinem, weil ich sehr gespannt auf die Lektüre bin, und für uns alle, weil eine bessere Einführung in die Psychoanalyse nicht gedacht werden kann. Daß Sie künftig keine Vorlesungen mehr halten wollen, kann ich Ihnen nachfühlen, aber ich bedaurees sehr, da unsre Forschung dann aus dem akademischen Reich ganz ausscheidet und wir nicht wissen, ob in Wien oder anderswo in absehbarer Zeit jemand wieder zu Worte kommen wird. Ich will nach dem Kriege mein Glück versuchen, zweifle aber am Erfolg. Daß der Vorschlag zum Nobelpreis gerade durch Bárány , einen der originellsten Köpfe unter den Ärzten, erfolgt ist, freut mich ganz besonders. Im übrigen verwirklicht sich darin ein alter Wunsch, den ich immer für Sie hatte. Es sind nun vier Jahre, daß ich Bjerre zu bestimmen versuchte, mit den maßgebenden Leuten in Schweden deshalb in Verbindung zu treten. Es liegen Gründe genug vor, daß ich Ihnen jetzt die Verwirklichung dieses Wunsches noch mehr wünschen möchte als früher! – Ophuijsen ist eine gute Errungenschaft, sofern er jetzt feststeht und nicht durch irgendwelche Widerstände ins Wanken kommt. Außer herzlichen Grüßen und guten Wünschen auch namens meiner Frau für Sie und die Ihrigen groß und klein, nah und fern, kann ich heute nichts mehr hinzufügen. Vielleicht ein andres Mal mehr! Ihr Karl Abraham Wie ist die jetzige Adresse von Reik?