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Allenstein, Kreuzstraße 2 p[ar]t.[erre], 1. 5. 1916 Lieber Herr Professor, Soeben bin ich in »unsre« Wohnung eingezogen, in der ich in 14 Tagen meine Frau und Kinder erwarte. Es ist eine möblierte Fünf-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoß eines älteren Hauses, ganz im Grünen, ein leidlicher Ersatz für eine Sommerfrische. Das erste ist nun, Ihnen zu schreiben, damit diese Zeilen Sie rechtzeitig erreichen. Ihrem Wunsche entsprechend soll Ihr Geburtstag in der Stille gefeiert werden. Gewiß darf ich mich aber – mit der durch die Entfernung bedingten absoluten Geräuschlosigkeit – an dieser Feier beteiligen, indem ich Ihnen und den Ihrigen allen die herzlichsten Glückwünsche sage. Es lag mir daran, Ihnen wenigstens ein kleines Zeichen der Anhänglichkeit und Dankbarkeit zu geben. Da die ursprünglich geplante Festschrift nicht zustande kam, so habe ich mir die Freiheit genommen, eine ganz kleine allein zu verfassen. Das Manuskript geht Ihnen gleichzeitig eingeschrieben zu. Die Arbeit ist von langer Hand vorbereitet, was ihr sicher gut getan hat, aber sehr eilig, in wenigen Tagen und an diesen in knappen Mußestunden heruntergeschrieben. Ich hoffe, mit ihr einen Beitrag zur Aufrechterhaltung unsrer Zeitschriften zu liefern. (Ich rechne auf reichlich 20 Druckseiten.) Sie enthält aber auch
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einiges Neue, u.a. zum Narzißmus. Wenn ich an die Fülle des Originellen in jeder Ihrer neuen Publikationen denke, lieber Herr Professor, so fühle ich den Abstand unsrer, d.h. der fünf Getreuen Leistungen nur zu deutlich. Wir fünf scheinen aber gut mit dieser Einsicht fertig zu werden; vor Jungscher Reaktionsweise sind wir wohl sicher. Gerade in Anbetracht Ihrer Schriften in den letzten Jahren, die immer noch einen Anstieg bedeuteten, kommt mir die an sich nicht zu leugnende Tatsache, daß Sie das 60. Jahr zurückgelegt haben, wie etwas ganz Äußerliches vor. Es ist etwas Konventionelles, so etwa wie man gestern Abend die Uhren um eine Stunde vorgerückt hat. Mögen die Frische und Schaffensfreudigkeit, um die mancher Jüngere Sie beneidet, Ihnen noch auf lange Jahre hinaus erhalten bleiben! Meine Frau hat mich mit einem herzlichen Glückwunsch beauftragt. Ich grüße, auch in ihrem Namen, Sie und alle Ihrigen vielmals und bin in alter Treue und Ergebenheit Ihr Karl Abraham
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F6