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[Briefkopf VI Berlin] 15. 10. 24
Lieber Herr Professor,
Zum Schluß der Würzburger Tagung kam Ihr Telegramm an, und ich will damit beginnen, Ihnen dafür zu danken. Ich hatte mir vorgenommen, Ihnen ausführlich über den Verlauf zu berichten, aber Sie sind vermutlich schon mündlich – durch van Emden und vielleicht auch durch andre – unterrichtet, sodaß ich mich kürzer fassen kann.
Der Besuch war recht befriedigend; die Präsenzliste weist 48 Namen auf. Die Vorträge standen fast durchweg auf einer beachtenswerten Höhe. Wir freuten uns, auch eine Reihe von Nichtdeutschen bei uns zu sehen (van Emden, aus Wien die Deutschs und Reik, aus Basel Sarasin und Christoffel). Vor allem war die Stimmung ausgezeichnet, sodaß man allgemein für eine baldige Wiederholung der Tagung war. Sie soll zwischen Ostern und Pfingsten in Weimar stattfinden. Ich glaube, daß der Zuzug von wirklich interessierten, aber der Vereinigung noch fernstehenden Leuten dann noch größer sein wird. Für unsre Bewegung im Ganzen wie auch für unsre Organisation sind diese kleineren Tagungen sicher von Nutzen. Mir war es auch wichtig, ein bißchen mehr Fühlung mit den Schweizern zu gewinnen. Ich glaube, daß -
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alle Teilnehmer vom Verlauf der Versammlung befriedigt waren. Nebenher waren die beiden sonnigen Herbsttage am Main wunderschön, und der Besuch der herrlichen alten Stadt war ein großes Vergnügen.
Von den Wienern hörte ich, daß Sie, lieber Herr Professor, den Vorsitz in der Vereinigung offiziell beibehalten werden. Es ist wirklich der einzige Ausweg aus der schwierigen Situation. Die guten Berichte über Ihr Befinden lassen mich hoffen, daß Sie hin und wieder auch zu den Sitzungen gehen werden.
In der von mir so sehr geliebten spanischen Sprache setzt man das Fragezeichen an den Anfang eines Satzes. So will ich eine mir heute zugetragene Nachricht mit einem vorangesetzten Fragezeichen hier anbringen: ?Kommen Sie, lieber Herr Professor, wirklich demnächst nach Berlin, und ist es richtig, daß Sie einen Vortrag halten werden? Mich interessiert das zu allererst, weil ich darin ein außerordentliches Zeichen objektiver Besserung und subjektiven Wohlbefindens sehen würde. Und außerdem – aber das brauche ich nicht zu sagen!
– Soeben erhielt ich die letzte Korrektur meines Büchleins über die Entwicklung des Charakters. – Die Untersuchung über die »Sieben« hat in letzter Zeit ganz geruht, d.h. ich habe nichts darauf Bezügliches lesen können. Aber ich -
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glaube mehr und mehr, daß meine Auffassung, die ich Ihnen auf dem Semmering vortrug, einen richtigen Kern hat. Ich sehe, daß man dem Problem weder von der Seite der astronomischen Bedeutung noch von derjenigen der Zahlensysteme usw. beikommen kann. Das psychologische Grundphänomen scheint mir in der ambivalenten Einstellung der Menschen zu der Zahl Sieben zu liegen. Diese muß wohl dasjenige repräsentieren, wozu man am meisten ambivalent eingestellt ist, und von dieser Seite komme ich immer wieder auf den Ödipus-Komplex zurück. Die 7 ist überall die Zahl der Enthaltung (Sabbath etc.), der Ausdruck des Tabu, zugleich aber die Zahl vieler zwangartig ausgeführter Riten. In dieser Doppelbedeutung scheint mir auch die Berechtigung zu liegen, die Verschmelzung der Zahl aus zwei andern anzunehmen, und ich glaube, man wird schließlich an der Bedeutung von 3 = Vater und 4 = Mutter festhalten müssen (3 Erzväter und 4 Erzmütter der Bibel etc.). Ich hoffe, bald zur Aufsuchung weiteren Materials zu kommen. (Obi-
ges bedarf keiner Beantwortung!) Etwas Andres, das mich in letzter Zeit beschäftigt, ist die Angst im geschlossenen Raum , ein
Phänomen, das meines Wissens noch keine eingehende Bearbeitung erfahren hat. Ein paar Beobachtungen der -
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letzten Zeit gaben mir interessante Aufschlüsse und zeigten zugleich die geringe Bedeutung des Geburtsvorganges für diese neurotische Erscheinung.
Sachs hat mir natürlich eingehend berichtet, wie Sie über Otto und das weitere Zusammenarbeiten mit ihm sich ausgesprochen haben. Ich gehe absichtlich nicht darauf ein, da wir doch zunächst abwarten müssen.
Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
Ihr Abraham
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