• S.

    [Briefkopf VI Berlin] 25. 5. 24

    Lieber Herr Professor,
    Dieser Brief erfordert keine Antwort. Er ist nämlich selbst eine Reaktion, nämlich eine solche der Freude über die guten Nachrichten, die ich via Lampl erhielt: daß Sie in naher Zeit aus der chirurgischen Kuratel entlassen werden und in den Bergen Ihre Ferien genießen können. Ich glaube, auch Sie selbst werden sich durch diesen Urteilsspruch aufgerichtet fühlen, und so hoffe ich, daß dieser Sommer für Sie und die Ihrigen im Zeichen der schwindenden gesundheitlichen Sorgen stehen werde!
    Ich benutze die Gelegenheit, um Ihnen Gutes von hier zu melden. Besonders unsre Kurse sind in erfreulichem Gange. Sachs hat ca. 40 Zuhörer bei den »Königsdramen«; ich habe vier Vorträge
    über »Psychoanalyse geistiger Störungen« angekündigt und war erstaunt, 50 Hörer zu bekommen. Auch die andern Kurse sind – für Sommer-Verhältnisse – gut besucht. Die Vereinstätigkeit ist befriedigend. Die Konsultations-Praxis ist seit einiger Zeit gleich Null, denn hier hat niemand Geld, und der Zustrom der Ausländer ist sehr viel geringer, seitdem Berlin nicht mehr billig ist. Doch darf man hoffen, daß diese Krisis in einiger Zeit vorübergeht.

  • S.

    Gestern habe ich Reik ein Referat über eine in Buenos Aires erschienene Arbeit geschickt. Der Autor hat in einer Strafanstalt einen wegen Mordes Verurteilten ziemlich weitgehend und sehr verständnisvoll analysiert! So etwas muß aus Südamerika zu uns kommen!
    Von Asch in New York hörte ich noch nichts wieder. Vielleicht ist es am besten und einfachsten, wenn es dabei bleibt. Den kleinen Aufsatz über Neurose und Psychose habe ich mit dem allergrößten Genuß gelesen. Von allen andern Vorzügen, die ich nicht zu erwähnen brauche, abgesehen, war es eine Wohltat etwas zu lesen, das so aus der lebendigen Erfahrung gewonnen ist und dem Leser ein so einzigartiges Gefühl der Sicherheit gibt. Und das Schönste ist, daß bald wieder etwas erscheinen soll; Ferienvergnügen!
    Ferien – ja, wenn die Obrigkeit es gestattet. Ich habe noch immer nicht die »gebührenfreie« Ausreise nach Sils-Maria für uns. Die »Gebühr« (richtiger: Ungebühr) würde 2000 Goldmark betragen und das Scheitern des gesamten Planes, inkl. der Verabredung mit Patienten, bedeuten. Wir haben außer dem permanenten Leinenzwang für Hunde nun auch die Menschensperre. In Sils wartet unser eine hübsche Wohnung; das Wohnzimmer ganz mit alten, geschnitzten eingebauten Möbeln ausgestattet, dazu Garten, Wald, Wasser und Berge. Es wäre ein harter Verzicht. Aber ich gebe die Hoffnung noch nicht auf und werde bis zum Äußer- sten insistieren.
    Herzliche Grüße von Haus zu Haus!
    Ihr Abraham