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[Briefkopf V Berlin] 13. 3. 20
Lieber Herr Professor,
Unsre Korrespondenz ist ganz zum Stillstand gekommen. Ich schwieg einige Wochen, weil ich Sie so bald nach dem traurigen Ereignis zu keiner Antwort verpflichten wollte. Da ich mit Rank immer in Verbindung stand, so haben Sie ohnehin erfahren, was in unserm Kreise vorging. Auch haben Ihnen zwei Ihrer Kinder inzwischen von hier berichten können. Wir, d.h. meine Frau und ich freuten uns sehr, sie hier zu sehen. Ernst erwarten wir bald wieder hier und hoffen ihn wieder häufig bei uns zu sehen. Er hat sich um die Einrichtung der Poliklinik ein bleibendes Verdienst erworben. Sie erregt allgemeine Bewunderung. Es ist gut, daß wir alles unter Dach und Fach haben. Denn nach der heute früh erfolgten Umwälzung, die sich übrigens lautlos vollzogen hat, weiß man ja nicht, was uns bevorsteht, und ob die kommende Zeit uns die Verwirklichung des Planes überhaupt ermöglicht hätte. Die ausführliche Denkschrift wegen des psychoanalytischen Unterrichts an der Universität habe ich gerade fertiggestellt. Wir müssen nun abwarten, ob in der nächsten Zeit ihre Einreichung überhaupt opportun ist.
Die Poliklinik ist gut besucht; ich berichtete -
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kürzlich schon Rank darüber. Mein Vortrags-Kursus, der nicht genügend angekündigt war, hat zwar nur zehn Hörer, aber die Qualität befriedigt mich zum Teil sehr. Ich hoffe, daß das Unterrichtswesen bald gut organisiert sein wird. Auch sonst gehen wir mit allerhand Plänen um. Eitingon will ein Zimmer der Poliklinik als Lesezimmer einrichten, in dem unsre ganze Literatur aufliegen soll. In größerer Ferne liegt ein Projekt, eine besondere Abteilung für Behandlung nervöser Kinder einzurichten; ich möchte eine Ärztin hierfür besonders ausbilden. Von genügendem Nachwuchs hängt für uns ja überhaupt alles ab, und leider fehlt es hieran bisher. Wir haben gar keine jungen Leute, die frisch von der Universität kommen, und ich möchte die Gewinnung solcher Kräfte jetzt auf jede Weise anstreben.
»Das Unheimliche« hat mich sehr gefesselt. In den letzten Monaten hatte ich selbst ein paar einschlägige Analysen und war zu ganz gleichen Resultaten gekommen, die freilich noch nicht so scharf formuliert waren.
In unsrer letzten Sitzung brachte Boehm einen Vortrag über »Homosexualität und Polygamie«, der manches schon Bekannte erweiterte, aber auch in einem Punkte etwas Neues brachte. Unser kleiner Kreis hier ist so wenig produktiv, daß ich froh bin, wenn einmal etwas Neues herauskommt. Übrigens war unsre Tätigkeit neuerdings sehr gehemmt. Liebermann verlor innerhalb einer Woche seine -
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beiden Eltern und war wochenlang meist in Hamburg. Frau Dr. Horney liegt seit Dezember krank, Parametritis nach einem gynäkologischen Eingriff. Als noch die Grippe ein Mitglied nach dem andern erfaßte, standen natürlich alle Räder still.
Wenn möglich schreibe ich heute noch an Rank und Reik. Ich füge, auch von meiner Frau, in Eile herzliche Grüße für Sie und die Ihrigen alle hinzu!
Ihr Karl Abraham
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