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[Briefkopf VI Berlin] 26. 12. 24
Lieber Herr Professor,
Ich schulde Ihnen Antwort auf Ihren Brief vom 8. d.M. und auf eine Anfrage im Rundbrief. Gern benütze ich die Ruhe der Weihnachtstage, um Ihnen das Notwendige und einiges andre mitzuteilen.
Also zunächst zur Frage der Mitgliedschaft in unsrer Vereinigung! Ich füge zwei Exemplare des Neudruckes unsrer Statuten bei: § 5 und 6 enthalten die bezüglichen Bestimmungen. Ich
möchte betonen, daß wir für die Aufnahme als außerordentliches Mitglied ziemlich strenge Bedingungen haben; allerdings läßt die Fassung der Paragraphen überall Ausnahmen zu, wenn wirklich ein besonderer Fall vorkommt. Hat sich jemand als a.-o. Mitglied bewährt, so ist die Wahl zum ordentlichen Mitglied gar keinen Schwierigkeiten unterworfen. In der General-Versammlung im Januar werden wir beispielsweise mehrere a.o. Mitglieder zu ordentlichen wählen, ohne daß sie es selbst beantragt haben. Der Wahl zum a.-o. Mitglied ist in der Regel schon eine längere Teilnahme an den Sitzungen als Gast vorausgegangen. Wie § 12 zeigt, sind wir schon bei der Zulassung ständiger Gäste vorsichtig. Im Ganzen haben sich die Bestimmungen recht gut bewährt. -
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Am Schluß des Rundbriefes fanden wir eine Bemerkung über Rank, die uns zunächst mysteriös erschien. Inzwischen haben wir alle drei von ihm direkt gehört und antworten ihm in diesen Tagen gemeinsam, doch wird jeder von uns noch einige persönliche Bemerkungen hinzufügen. Sie, lieber Herr Professor, werden eine Kopie erhalten, damit Sie über unsre Stellungnahme orientiert sind. Allgemein kann ich schon jetzt sagen, daß wir uns durchaus konziliant, aber doch mit einer gewissen Zurückhaltung äußern werden, wie sie durch die Umstände geboten erscheint. Persönlich darf ich hinzufügen, daß ich Ihnen zum neuen Jahre eine zufriedenstellende Erledigung der ganzen Angelegenheit von Herzen wünsche.
Was ich in meinem letzten Brief andeutend über die Frage der weiblichen Leitzonen schrieb, ist weit davon entfernt, der bisherigen Sexualtheorie einverleibt werden zu können. Mir ist in neuerer Zeit manches in der Leitzonen-Auffassung als unvollständig erschienen. Schon lange kam es mir fraglich vor, ob die Verschiebung von der Klitoris zur Vagina anders vor sich gehen könne als auf einem Wege, der bereits vorher beschritten sei – wenn auch in umgekehrter Richtung. Wir haben uns in so vielen andern Beziehungen überzeugen müssen, daß die psychosexuellen Vorgänge der Pubertät Wiederholungen sind. Das vermutete Vorstadium müßte als Sexualziel die Aufnahme -
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des Penis haben. Die dazu bestimmte Öffnung scheint auch mir Kloaken-Charakter zu haben, d.h. man wird annehmen müssen, daß Sensationen der Vagina entstehen, die von der Analzone übergeleitet werden, ebenso daß lustvolle Kontraktionen der Vagina irgendwie mit Kontraktionen des Sphincter ani zusammenhängen. Die Verführbarkeit kleiner Mädchen zu koitusähnlichen Handlungen muß wohl auf solchen Vorgängen beruhen, ebenso die Neigung zu vaginaler Masturbation, besonders wenn man an das Einführen von Fremdkörpern denkt. Zwei neurotische Symptome nötigten mir die Vermutung eines – sagen wir: vaginal-analen – Frühstadiums auf: die Frigidität und der Vaginismus. Nach allen psychoanalytischen Erfahrungen kann ich nicht glauben, daß die Frigidität nur darauf beruht, daß der Übergang der Libido von der Klitoris zur Vagina ausbleibt. Sondern es muß ein Verbot vorliegen, das unmittelbar lokal begründet ist. Noch mehr gilt das für den Vaginismus. Wie sollte die Vagina auf den ersten Koitus-Versuch derart negativ reagieren, wenn nicht etwas Positives vorausgegangen wäre? Das hysterische Erbrechen hat doch auch ein positiv-lustvolles Erleben an gleicher Stelle in der Urzeit zur Voraussetzung. Wie schon voriges Mal erwähnt, würde eine solche Annahme
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auch ein Licht auf die dunkle Entstehung des weiblichen Ödipus- Komplexes werfen.
Meine Untersuchung über die Sieben schreitet vorwärts, wenn auch manches noch unklar bleibt. Die Bedeutung der Sieben ist bereits weitgehend verständlich geworden. Das zweite
Problem, warum eben die Sieben geeignet ist, Bestimmtes im menschlichen Seelenleben auszudrücken, erweist sich zwar als schwieriger, aber einiges ist auch da schon klarer geworden. In
kurzer Zeit kann ich vielleicht eine Mitteilung darüber machen. Noch einmal komme ich auf Ihre Vermutung eines Zahlensystems mit der Sechs zurück. Es scheint wirklich nichts Derartiges zu
geben, und doch haben Sie in einem bestimmten Sinne Recht. Die mysteriöse Reihe fängt nur nicht mit der 6, sondern mit der 3 an. Kommt 1 hinzu, dann haben wir 4 (die in der amerikanischen Mythologie herrscht), 7 (für die ich einige weitere Determinierungen weiß, aber noch mehr suche), 10, 13 und 19 (babylonisch).
Soviel für heute! Vielleicht kann ich Ihnen bald einiges für die psychoanalytische Bewegung Wichtige berichten. Aber heute ist es noch zu unsicher. Möge es sich 1925 erfüllen, sowie alles andre, was ich Ihnen, lieber Herr Professor, für Sie, Ihr Haus und für uns alle wünsche!
Mit herzlichsten Grüßen von den Meinen und mir für Sie alle Ihr
Karl Abraham
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