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    [Briefkopf V Berlin] 6. 12. 20

    Lieber Herr Professor,
    Hinsichtlich Ihrer Anfrage in Reiks Interesse herrscht zwischen Eitingon, Sachs und mir volle Übereinstimmung, daß sie für den Augenblick negativ beantwortet werden muß. Für Sachs hatten wir hier monatelang vorgesorgt, d.h. alle Analyse-begierigen Ärzte für ihn aufgespart. Augenblicklich ist kein oder allenfalls ein einschlägiger Fall vorhanden. Da der betreffende Kollege wirtschaftlich schlecht gestellt ist, so ist das so gut, als ob er nicht
    vorhanden wäre (in Reiks finanziellem Interesse gesprochen).
    Sachs ist voll besetzt. Wenn sich nun neue Analysanden melden, könnten wir sie für Reik ansammeln, aber das wird längere Zeit dauern. Was Vorträge betrifft, so ist für einen ein gutes Feld vorhanden, für zwei reicht es gegenwärtig noch nicht.
    Uns scheint, daß Sie alle in Wien von den Berliner Verhältnissen eine irrige Vorstellung haben. Sie schreiben von R., daß er sich in Wien »über Wasser hält«. Mehr könnte er hier auch nicht, denn es geht uns  allen nicht anders. Die Ausgaben für das Nötigste zehren auch ein »hohes« Einkommen auf. Sachs z.B. hat zu unsrer Genugtuung  ausreichende Einnahmen, um davon gut zu leben. Reik, der doch naturgemäß auf längere Zeit hinter Sachs

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    im Einkommen zurückbleiben wird, hat Frau und Kind zu ernähren, und da wird er große Schwierigkeiten haben. Sie müssen beispielsweise in Betracht ziehen, daß ich selbst auch nur das zum Unterhalt Nötigste erwerbe. Das einzige, was Reik hier vielleicht günstiger hätte, wäre die bessere Ernährungslage. Ich werde aber die Sache im Auge behalten. Der erfreuliche Fortgang unsrer Sache in Berlin eröffnet vielleicht für etwas spätere Zeit Aussichten! Unklar ist uns übrigens, wie der für die Literatur Verantwortliche fern von den Zeitschriften wirken soll. Der briefliche Weg ist doch heute allzu erschwert.
    Wir haben beschlossen, im nächsten Komitee-Bericht etwas über die Verhältnisse in Berlin zu bringen, damit z.B. auch Ferenczi für sich und seine Leute orientiert ist und vor zu großen Hoffnungen bewahrt bleibt.
    Sehr Schönes kann ich von meinem Einführungskurs berichten. Der Eifer der Teilnehmer ist unvermindert, und man drängt schon jetzt auf einen Kurs für Fortgeschrittene.
    Es wird Sie, lieber Herr, Professor, gewiß interessieren, daß Ihre 100 Gulden-Gabe ihre Verwendung gefunden hat. Durch Vermittlung eines Patienten bekomme ich für beide Kinder je ein Rad, und da wird es demnächst doppelten Jubel geben.
    Bei dem gestrigen Wohltätigkeitsabend für die Poliklinik waren auch Oliver und Anna zugegen. Der Verlauf war sehr zufriedenstellend.
    Hoffentlich geht es Ihnen und den Ihren gut; auch für  meine Familie trifft das zu. Ich selbst leide noch oft an den Folgen der Darminfektion und hatte heute erst wieder das Vergnügen einer Magenausheberung. Ich muß bald wenigstens für 14 Tage Pause machen. Mit vielen Grüßen wie immer
    Ihr Abraham