• S.

    [Briefkopf IPA] München, 26. 4. 24

    Lieber Herr Professor,
    Noch bevor ich wieder in Berlin bin, will ich Ihnen vom Kongreß berichten. Sollte der Bericht etwas umfangreich werden, so will ich zu Ihrer Ermutigung vorausschicken, daß er im wesentlichen durchaus günstig sein wird.
    Allem voran will ich mitteilen, daß die von Ihnen vorgeschlagene engere Fühlungnahme der Gruppen-Präsidenten beschlossen worden ist; wie sie sich in praxi entwickeln wird, müssen wir abwarten. Außer den offiziellen Quartalsberichten (für das Korrespondenz-Blatt) soll zwischen den Präsidenten der europäischen Gruppen im gleichen Zeitabstand ein intimerer Bericht ausgetauscht werden. Was ich persönlich – als Präsident der Gesamt- vereinigung – außerdem zu tun beabsichtige, will ich hernach erwähnen.

  • S.

    Unser engerer Kreis war sich darüber einig, das Komitee nicht künstlich wiederherzustellen. Zwischen Sándor und mir hat eine wiederholte, eingehende Aussprache stattgefunden, nach der wir im alten, guten Einvernehmen geschieden sind, mit der Verabredung, einander – unter Hinzuziehung von Max und Hanns – zwanglose Berichte zu senden und überhaupt die Verbindung durch Briefwechsel aufrecht zu erhalten. Gern hätte ich auch mit Otto einen ähnlichen Modus vivendi gefunden. Wenn das nicht gelungen ist, so gebe ich die Hoffnung doch nicht auf. Die längere Trennung durch seine Reise wird vielleicht den Boden ebnen, und wenn er nach seiner Rückkehr das sieht, was – wie ich hoffe – sichtbar sein wird: daß zwischen uns andern, besonders zwischen Sándor und mir, eine Verstimmung nicht mehr besteht, so wird dieser Eindruck gewiß auch Otto die Überzeugung geben, daß eine Wiederannäherung möglich ist.  (Fortsetzung Berlin 27.4.)
    Das allgemeine Einvernehmen der Kongreßteilnehmer war gut. Die Kritik an den literarischen Neuerscheinungen hat sich in sehr gemäßigten Grenzen gehalten

  • S.

    und war von aller polemischen Schärfe frei. Wie Sie wohl wissen, waren Amerika und Indien nicht vertreten. Von Ermakov erhielt ich kurz vor dem Kongreß noch einen Brief. Niemand könne die Reise von Moskau nach Salzburg erschwingen; vielleicht werde Wulff eine staatliche Unterstützung erhalten. Diese muß wohl ausgeblieben sein; jedenfalls ist W. nicht gekommen. Von Holland war nur van Emden da; nach seiner Darstellung geht es den holländischen Kollegen so schlecht, daß sie sich die Reise nicht leisten konnten. Die Schweiz war nicht entsprechend der Mitgliederzahl vertreten, doch waren die tüchtigsten Mitglieder da: Frau Oberholzer, Pfister, Kielholz, Frl. Fürst, Zulliger. Blum fehlte; ich hätte ihn gern kennen gelernt, da er mir am meisten zu versprechen scheint. Die Engländer waren gut vertreten. Das Einvernehmen mit ihnen sowie unter den Österreichern, Ungarn und Deutschen war durchweg gut.
    Die geschäftliche

  • S.

    Sitzung verlief reibungslos. Von irgendeiner Gefahr für den Bestand der Internationalen Vereinigung war nichts zu bemerken.
    Wissenschaftlich stand der Kongreß nach dem allgemeinen Eindruck auf einem ausgezeichneten Niveau. Mit gutem Recht hatten wir an die Spitze des ersten Tages Frau Dr. Deutsch gestellt, deren Leistung allgemeine Bewunderung erregte. (Sie ist in ihrer Psychoanalyse bei mir um ein großes Stück weiter gekommen, besonders ist die Arbeitshemmung gewichen). Ebenso vortrefflich war James Glover, dann sehr tüchtig Harnik und Dr. F. Deutsch; nur Liebermann fiel sehr ab. Diesen ersten Vormittag beschloß mein Vortrag, den ich bald druckfertig machen will, um ihn Ihnen zu senden.
    Das Symposium am Nachmittag hielt sich auf ähnlicher Höhe. Nach Ernests kurzer Einleitung folgten die drei ausführlichen Referate, jedes für sich eine vorzügliche Leistung, und danach ein paar kurze Worte von Otto und Sándor.
    Am zweiten Tage war Frau Kleins Vortrag über die Technik der Kinderanalyse eine originelle Leistung, die übrigen durchweg gut, ebenso am dritten Tage, von dem

  • S.

    Reiks Vortrag besonders zu rühmen ist.
    Dies alles, lieber Herr Professor, hätte ich Ihnen viel lieber persönlich berichtet. Ich wäre so gern von Salzburg aus nach Wien gekommen. Aber ich hörte von Fräulein Bernays, daß Sie am Donnerstag abends heimkehrten. Nach den rigorosen Einschränkungen im Reiseverkehr mußte ich unbedingt am Freitag abends die österreichisch-deutsche Grenze wieder passiert haben.
    Das hätte bedeutet, daß ich Sie nur am Freitag Vormittag hätte sehen können. Und da ich von Ihnen selbst über Ihr Befinden orientiert war, wäre es wie eine Pression gewesen, wenn ich verlangt hätte, Sie an dem Vormittag nach Ihrer Rückkehr zu sehen. Länger in Wien abzuwarten aber wäre für mich mit einer sehr hohen Geldstrafe verbunden gewesen, d.h. mindestens 1000 Goldmark. Der Verzicht auf die Reise nach Wien wurde mir dadurch erleichtert, daß ich von verschiedenen Seiten hörte, daß Sie gegenwärtig

  • S.

    lieber ungestört sein wollen. Sie wissen doch, lieber Herr Professor, daß es nur eines Winkes von Ihnen bedarf, und ich komme nach Wien. Unter den augenblicklichen Verhältnissen glaube ich, lieber warten zu sollen, bis ich ein solches positives Anzeichen erhalten habe.
    Nun will ich Ihnen noch einiges berichten, was Ihnen, wie ich hoffe, Freude bereiten wird. Noch während des Kongresses habe ich eine Besprechung aller anwesenden deutschen Analytiker und solcher, die es werden wollen, zustandegebracht, um die in Mittel- und Süddeutschland verstreut wohnenden Interessenten an unsre Organisation zu fesseln. Ungefähr am 1. Oktober d. J. wird nun in Würzburg oder einer andernzentral gelegenen Stadt eine erste Zusammenkunft der deutschen Analytiker stattfinden,die einer kollegialen Annäherung und zugleich wissenschaftlichen Zwecken, mit einstweiliger Bevorzugung der praktisch wichtigen Fragen, dienen soll. Im Laufe der Zeit soll sich daraus eine zweite deutsche Vereinigung entwickeln können. Die Vorbereitungen für diese erste Tagung habe ich Landauer gebeten zu über- nehmen. Er ist der einzige, dessen Interesse an der Sache mit einer unbedingten persönlichen Anhänglichkeit an Sie, lieber Herr Professor,

  • S.

    zusammenfällt. Ich habe ferner die Gelegenheit ergriffen, um im Anschluß an den Kongreß mit Landauer und unsern Frauen noch einen Tag am Königssee zusammen zu sein, und glaube, damit die persönlichen Beziehungen sehr gefestigt zu haben.
    Die einzige Gruppe, deren Stellung zur Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung mir etwas beunruhigend scheint, ist die schweizerische. Oberholzer als Vorsitzender war ausgeblieben, und sein Beispiel muß auf andre gewirkt haben. Ich habe nun mit seiner Frau über die Lage gesprochen. Die Widerstände der Schweizer, die wir ja längst kennen und zu verstehen glauben, werden neuerdings rationalisiert durch ihre Abneigung gegen die spekulative Richtung des vorigen Kongresses, und gegen alles, was nicht vom Verdacht der Spekulation frei ist. Ich habe nun, außer Frau Oberholzers Mitteilungen, noch andre Anzeichen dafür, daß meine Wahl zum Vorsitzenden den Schweizern sympathisch ist. Da ich nun im Sommer mit meiner Familie in der Schweiz sein werde –

  • S.

    wenn inzwischen auf Auslandsreisen nicht Todesstrafe gesetzt ist –, so habe ich den Plan, dann etwas zur Besserung der Beziehungen zu tun. Sie sehen daraus, daß ich meine Tätigkeit als Vorsitzender nicht auf die Leitung des nächsten Kongresses beschränken, sondern mich vom ersten Tage an aktiv für die Sache einsetzen will.
    Alles Bisherige, lieber Herr Professor, bedarf keiner Antwort. Nur in einem Punkt, der jetzt kommt, bedarf ich einer Auskunft von Ihnen, aber ein paar diktierte Worte auf einer Karte werden genügen. Kurz vor dem Kongreß erreichte mich eine Einladung aus New York, die durch mangelhafte Adressierung ca. sechs Wochen herumgeirrt war. Sie kommt von Dr. Asch in New York, der mit einem meiner Analysanden bekannt ist. Er bezieht sich auf die Lahmlegung der wissenschaftlichen Tätigkeit und der Heranziehung jüngerer Kräfte infolge des Konfliktes Brill/Frink. Es sei da eine Reihe tüchtiger, junger Leute, die dadurch zurückgehalten würden. Wenn ich käme, könne ich etwa ein halbes Jahr mit ihrer Analyse und andern Behandlungen und Konsultationen gut beschäftigt sein. Erst nachher erfuhr

  • S.

    ich, daß Otto vom Kongreß direkt nach Amerika ging. Meine Antwort an Asch war aufschiebend: ich wolle keinesfalls durch mein Kommen die Schwierigkeiten erhöhen, und möchte daher zunächst erfahren, wie die übrigen in N[ew] Y.[ork] sich dazu verhielten; außerdem müsse ich natürlich über die Bedingungen Gewißheit haben. Es wäre nicht ausgeschlossen, daß ich etwa im November von der Einladung Gebrauch machen würde. Ich muß nun Bescheid aus NY. abwarten. Inzwischen aber wüßte ich gern, was Sie, lieber Herr Professor, von Asch halten, der ja bei Ihnen war. Darf man ihm eine solche Sache mit ihrem nicht geringen Risiko anvertrauen? Wissen Sie, in welchem Ansehen er unter den Kollegen in NY steht? Sehen Sie irgendeine Kontraindikation gegen meine Reise, oder haben Sie sogar positive Gründe dafür? Vielleicht könnte ich gerade als Präsident dort irgendwie Gutes wirken. Einstweilen ist
    das Ganze für mich ein Vielleicht .

  • S.

    Die Möglichkeit, Amerika kennen zu lernen, ist doch von großem Reiz, aber der ganze Plan ist einstweilen nicht spruchreif. Immerhin könnte mir ein Rat von Ihnen in bezug auf die obigen Fragen von Nutzen sein. Dafür im voraus besten Dank!
    Schnell noch die Mitteilung, daß ich neben dem Thema meines Kongreßvortrages noch etwas andres vorbereite, nämlich eine Untersuchung über die Bedeutung der Sieben-Zahl in Mythus, Sitte, etc. Ich glaube, da etwas Hübsches gefunden zu haben. Mit allen guten Wünschen und den besten Grüßen von Haus zu Haus
    Ihr Abraham