• S.

    [Briefkopf VI Berlin]
    Sils-Maria, Engadin
    Haus Gilly
    30. 6. 24

    Lieber Herr Professor,
    Die Nachricht, daß Sie Ihre Reise in die Schweiz aufgegeben haben, war mir sehr schmerzlich. Ich ahne nun nicht, wo Sie Ihre Ferien zubringen werden, muß Ihnen aber natürlich recht geben, daß Sie sich von Wien nicht zu weit entfernen wollen. Da die Reisesperre in Deutschland aufgehoben ist, kann ich eventuell am Schluß meiner Ferienreise an Ihren Aufenthaltsort kommen. Gelegentlich hoffe ich also zu hören, wo Sie in der ersten Hälfte des August sein werden.
    Seit 18 Jahren war ich nicht mehr im Engadin, und bin nun wieder ebenso bezaubert davon wie alle früheren Male. Zumal jetzt im Frühling ist hier eine Blumenpracht wie nirgends sonst in den Alpen. Der Vorsaison entsprechend ist alles noch ziemlich menschenleer, sodaß man zum vollen Genuß aller alpinen Herrlichkeiten kommen kann. Wir haben dieses Mal eine kleine Wohnung gemietet, von Berlin unsre bewährte »Stütze« mitgebracht und wirtschaften selbst. Unsre Wohnung ist ganz abgeschlossen. Das Wohnzimmer eine typische Engadiner Stube mit dreieckigem Erker, Täfelung an Wänden und Decke, eingebauten Möbeln etc., so behaglich, wie man es nie im Hotel haben könnte; die Schlafzimmer groß, hell und tadellos eingerichtet.

  • S.

    Etwas tägliche Analysenarbeit – vorläufig ist erst  ein  Patient da – hält mich in Verbindung mit der gewohnten Tätigkeit. Daneben schreibe ich an der Neuauflage des Segantini für Deuticke und überarbeite meinen Vortrag vom Kongreß. Wenn Sie, lieber Herr Professor, ihn lesen möchten, könnte ich das Manuskript gelegentlich senden. (Aber Sie sollen nicht mir zuliebe ja sagen!)
    Ich hoffe, es geht Ihnen, trotz der öfteren Beschwerden, im Ganzen zufriedenstellend, und ich würde mich sehr, sehr freuen, es wieder einmal von Ihnen selbst bestätigt zu hören. Ihr letzter
    Brief klang so viel hoffnungsvoller und positiver, und zeigte deutlich, daß Sie sogar Ihren Humor wieder gefunden haben. Solch gute Nachricht hört man gern öfter.
    Der neue Band der Gesammelten Schriften ist nach meiner Abreise in Berlin eingetroffen, sodaß ich die beiden neuen Aufsätze darin erst nach meiner Rückkehr werde lesen können.
    Aus der Stille von Sils-Maria ist sonst nichts zu berichten. Ich wünsche Ihnen und den Ihrigen recht erholungsreiche Ferien und bin mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
    Ihr Karl Abraham