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[Briefkopf III Berlin] 23. V. 13
Lieber Herr Professor,
Von alledem, was in Zürich vorgeht, bekomme ich hier nur dunkle Kunde, aber ungefähr kann ich mir’s ja denken. Ich weiß nicht, ob, wie Sie andeuten, der Bruch unvermeidlich ist. Was an mir liegt, soll Berlin Ersatz bieten. In der Habilitations-Sache ist natürlich nichts weiter geschehen, als daß ich an der Habilitations-Schrift arbeite. Ich muß mir das Material allmählich verschaffen, hoffe, damit im Sommer fertig zu werden und die Arbeit im Herbst einreichen zu können. Das weitere liegt dann im Schoße der Fakultäts-Götter. Ich bin nach wie vor sehr skeptisch. Falle ich durch, dann muß etwas andres angestellt werden. Ich werde im Winter nicht mehr allein stehen. Zuerst läßt sich Stock- mayer hier nieder, mit dem sich, wie ich glaube, etwas anfangen läßt. Bisher fehlten ja immer jüngere Kräfte. Ich habe so verschiedene Ideen, wie sich etwas machen ließe. Gelingt die Habilitation, dann soll schon Leben in die Bude kommen. Es ist mir sehr lieb, daß ich die Fahnen der Totem-Arbeit bekommen soll. Ich habe für den Kongreß-Vortrag eine Anzahl sehr interessanter Beobachtungen, die ich aber nur bringen kann, wenn ich vorher Ihre Schrift gelesen habe. Breslau war schlimm. Bleuler hat sich – laut Eitingons Bericht, der dort war – sehr unsympathisch benommen. E. wird Ihnen wohl selbst davon berichten. Von uns war nur Stegmann da; er scheint sehr korrekt und nett aufgetreten zu sein.
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Hoche hat die Lacher zwar auf seiner Seite gehabt; ich habe aber verschiedene Leute gesprochen, die, ohne Anhänger der Psychoanalyse zu sein, sich sehr abgestoßen fühlten. Es ist gut, daß nach den Neurologen (1910) sich nun auch die Psychiater ihres Zornes entledigt haben. Danach wird es mit unsrer Sache nur umso mehr aufwärts gehen. Wie das Interesse für die Psychoanalyse in Deutschland gewachsen ist, davon kann ich mich öfter mit Erstaunen überzeugen. Sicher ist, daß gegenwärtig keine Frage auf medizinischem und psychologischem Gebiet in Fachkreisen so diskutiert wird wie die Psychoanalyse, und kein Name eines Arztes soviel – wenn auch mit drei Kreuzen – genannt wird wie der Ihrige. In Laienkreisen ist es ähnlich! Von Jung bekam ich eine an unsre Gruppe gerichtete Anfrage, ob es bei dem in München gewählten Referat-Thema (Funktion des Traumes) bleiben solle. Ich sehe keinen Grund dagegen; sollten die Bedenken gegen das Thema von der Wiener Gruppe ausgehen, so wüßte ich gern Näheres. In diesem Falle würde ich Sie bitten, mir durch Rank das Nötige mitteilen zu lassen. Ich lese momentan Hitschmanns Schopenhauer und freue mich, daß es den Zeitschriften so gut geht, indessen das Zenralblatt mit jeder Nummer auf ein tieferes Niveau sinkt. Unsre Sommerpläne haben sich geändert. Wir müssen den Kindern einen längeren Seeaufenthalt geben und werden voraussichtlich das Ihnen bekannte Noordwijk wählen. Meine Frau reist mit den Kindern Anfang Juli, ich erst Ende Juli, ruhe mich zuerst einige Wochen aus und werde dann wohl mit meiner Frau noch 14 Tage die holländischen
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und belgischen Städte besuchen. Währenddessen bleiben die Kinder in Noordwijk, und wir sind in ihrer Nähe. Einen so langen Seeaufenthalt könnten wir ihnen nicht geben, wenn wir nach dem Süden führen. Also daraus wird wohl nichts werden. Ich beabsichtige, von Holland direkt nach München zu fahren. Eventuell ließe sich ein Rendezvous vor dem Kongreß ermöglichen; zur Entgegennahme von Vorschlägen bin ich gern bereit! Vielleicht ließe sich mündlich etwas verabreden, wenn Sie im Sommer Hamburg besuchen und dann Berlin passieren. – Wenn es Ihnen keine große Mühe macht, wäre ich Ihnen sehr dankbar für eine ganz kurze Bemerkung, wie Sie mit Ihrem Hotel in Noordwijk zufrieden waren. Leider muß ich Sie noch weiter plagen, lieber Herr Professor. Frau Dr. Stegmann hat mich gebeten, sie zu analysieren. Natürlich würde sie nicht auf unbestimmte Zeit nach Berlin kommen können, sondern nur auf etwa zwei Monate. Raten Sie mir zu, das zu übernehmen? Und wie verhalte ich mich in dem Fall bezüglich der Honorarfrage? Haben Sie eine Ahnung, in welchen Verhältnissen die Frau seit der Scheidung lebt? Seien Sie bitte nicht ungehalten über die vielen Fragen. Ich bin mit ganz kurzer Beantwortung im Depeschenstil gern zufrieden. Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus Ihr ergebener Abraham
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