• S.

    [Briefkopf V Berlin] 7. 12. 19

    Lieber Herr Professor,
    Ihr Brief vom 1. d.M. traf schon am 5. hier ein! Ob das ein Zeichen ist, daß die Zeiten sich bessern?
    Ich will meine Antwort mit guten Wünschen zur Hochzeit Ihres Sohnes beginnen. Ein Glückwunschtelegramm, das ich absenden wollte, wurde mir nicht abgenommen; seit einigen Wochen werden solche nicht mehr befördert. Ich muß Sie schon bitten, den Nächstbeteiligten wie den Ihrigen allen unsre Gratulation zu übermitteln. In Kürze hoffen wir, Ernst hier zu sehen, bald auch Rank.
    Unendlich leid tut mir Freunds schwere Krankheit. Wenn schon Metastasen nachweisbar sind, muß man sich auf sein baldiges Ende gefaßt machen. Weiß er selbst, wie es mit ihm steht?
    Über die Fragen des Kongresses und des Jahrbuchs werde ich mit Rank sprechen. Ihr Lob bezüglich meiner Produktivität ist nicht berechtigt. In den wenigen von der Praxis freigelassenen Stunden habe ich eine recht ausgesprochene Arbeitsunlust. Sonst käme viel mehr zustande. Die kleinen Beiträge der letzten Monate erklären sich aus der Unlust,

  • S.

    Größeres in Angriff zu nehmen.
    Vielleicht hörten Sie schon von Eitingon, daß wir ein Lokal für die Poliklinik in Aussicht haben. Wenn der Preis erschwinglich ist, werden wir es mieten. Simmel wird für die Poliklinik eine vorzügliche Kraft sein. Er nimmt seine Analyse bei mir jetzt wieder auf. Wissenschaftlich macht er gute Fortschritte, hat aber den narzißtischen Stolz, alles selber zu entdecken. Ich erhoffe aber doch Gutes von ihm in Zukunft. Ebenso von Boehm, der sehr eifrig arbeitet. Übrigens sind beide, die erst wenige Monate niedergelassen sind, schon sehr gut beschäftigt. Unerfreuliches erleben wir mit Koerber, der uns mit seinem Halbwissen bloßstellt, sobald er in der Öffentlichkeit auftritt.
    Zu Reiks Arbeiten habe ich einige Ergänzungen, die ich vielleicht demnächst niederschreibe. Ich werde vom 24. 12. bis 4. 1. Ferien machen, aber nicht verreisen.
    Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
    Ihr Abraham