• S.

    Allenstein, 13. 2. 16 Lieber Herr Professor, Ich hoffe, Sie sind von der Influenza ganz wieder hergestellt, und erhalten auch von allen Ihrigen befriedigende Nachrichten! Natürlich freut es mich sehr, daß meine Schrift Ihren Beifall gefunden hat. Ich war bei der letzten Durchsicht übrigens selbst der Meinung, daß die Arbeit gelungen war. Sicher erklärt sich das zu einem Teil daraus, daß sie so langsam gereift ist. Denn während ich sie, im Verlauf von sieben oder acht Monaten, stückweise niederschrieb, konnte der ganze Gedankengang innerlich gut verarbeitet werden. Wenn ich jetzt in einigen Tagen meinen offiziellen Vortrag über Hysterie erledigt habe, bekomme ich für etwa eine Woche den Besuch meiner Frau. Hernach werde ich dann wieder etwas zu Papier bringen, wahrscheinlich zuerst etwas für Imago. Von Imago habe ich kürzlich ein Heft erhalten mit Reiks schönem Aufsatz über Pubertätsriten, dann die Zeitschrift, in der ich die erste Hälfte Ihres Unbewußten bereits gelesen habe. Ich möchte mich dazu erst nach der Lektüre des Ganzen äußern. Heller schickte übrigens ein Exemplar nach Berlin und eins nach Allenstein; ich schließe aus dieser Symptomhandlung, daß er gern eine doppelt größere Auflage hätte.

  • S.

    Mit Ihrer Bemerkung zu meiner Arbeit – daß ich die hysterische Anorexie mehr hätte berücksichtigen sollen – sind Sie, lieber Herr Professor, ganz im Recht. Daß ich diesen Zustand nur gestreift, aber nicht genau untersucht habe, kann ich damit erklären, daß ich keinen derartigen Fall gründlich analysiert habe. Aber der tiefere Grund ist sicher ein persönlicher, ganz wie Sie Ihre Rauchleidenschaft als Hindernis für die Bearbeitung gewisser Fragen ansehen. Ich weiß aus Erfahrung, daß sich eine Verstimmung über mißliche Vorkommnisse bei mir regelmäßig durch Appetitlosigkeit bemerkbar macht. Ohne es zu merken, bin ich also der Analyse dieses Symptoms aus dem Wege gegangen. Dabei habe ich es bei mir, wie ich glaube, ziemlich weitgehend analysiert, hätte also nur mich selbst als Exempel nehmen können! Statt dessen habe ich bei der Ausarbeitung der Verdrängung gehuldigt. Vielleicht kann ich vor der endgültigen Drucklegung noch eine kleine Einfügung in den Text machen. Mit herzlichen Grüßen für Sie und alle Ihrigen nah und fern Ihr Karl Abraham