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[Briefkopf V Berlin] 10. 6. 20
Lieber Herr Professor,
Auf Ihre Anfrage wegen Urban und Schwarzenberg habe ich, trotz gewisser Bedenken, bejahend geantwortet. Für unsre Sache ist es doch nicht gleich, ob Sie oder ein andrer den Beitrag zu einem solchen Sammelwerk liefern, und es wäre sogar möglich, daß die Herausgeber nun ganz auf eine Darstellung der Neurosenlehre von unsrer Seite verzichten werden. Andrerseits wollte ich Ihnen gern die Last abnehmen. Für uns alle ist es ja besser, wenn Sie für Ihre Arbeiten frei sind. Eine »Ferienarbeit« ist das für mich nun freilich nicht. Denn meine Ferien werden nur drei Wochen dauern (15. Juli bis 5. August), und diese knappe Zeit – die ich übrigens zu Hause verbringen werde – brauche ich ganz nötig zur Erholung. Aber ich werde, wenn die Herausgeber mir die Sache übertragen, die Arbeit über einige Zeit verteilen und andre Pläne zurückstellen. Zum Schluß die Versicherung, daß ich mich durch die Übernahme nicht bloß belastet fühle, sondern mich auch freue, derjenige zu sein, den Sie mit Ihrer Vertretung betrauen!
Unsre Denkschrift befindet sich jetzt bei der medizinischen Fakultät. Vor einigen Tagen hatte ich eine längere Unterredung mit Bonhoeffer, der maßgebenden Persönlichkeit. B. ist kein Freund der Psychoanalyse, aber auch kein prinzipieller Gegner, vor allem kein unfairer. Er gestand mir offen, seine Gegengründe seien gefühlsmäßig, »durchaus unwissenschaftlich«! Er erkenne aber -
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vieles an. Gegen die psychoanalytische Professur hat er keine sachlichen Bedenken, nur ein immerhin zu erörterndes technisches. Es besteht in Berlin die Tendenz, alle Professuren der Spezialfächer in Ordinariate umzuwandeln, womit die betreffenden Fächer obligatorisch für Studenten und zugleich Prüfungsfächer werden. Hierfür halte er die Psychoanalyse noch nicht für reif. Dagegen habe er gegen einen persönlichen Lehrauftrag für mich nichts einzuwenden. Ich erwiderte, wir ständen auf dem Standpunkt, die Psychoanalyse werde sich mit der Zeit durchsetzen, und es sei uns gegenwärtig gar nicht um ihre Anerkennung als obligatorisches Fach zu tun, sondern nur um eine Möglichkeit des Lernens für solche Studenten, die sich dafür interessieren, und diese seien zahlreich. Letzteres gab er mir ohne weiteres zu. Er versprach mir, mich nach Durchsicht der Denkschrift, die noch nicht in seinen Händen war, wieder zu sich zu bitten. Ich glaube also, sein Gutachten wird keinesfalls ganz ungünstig ausfallen, zumal er mir persönlich sehr freundlich gegenübersteht. Mit der Fakultät wird die Sache natürlich glatter gehen als ohne sie oder
gegen sie, und vor allem wären wir dann nicht vom politischen Glücksspiel abhängig. Denn der sozialistische preußische Unterrichtsminister kann über Nacht fallen, und dann wäre vielleicht manches in Frage gestellt. Also Coraggio, Casimiro!
Gestern hatten wir geschäftliche Vereinssitzung zur Festsetzung des Herbst- und Winterprogramms. Wir sind nämlich sehr unternehmungslustig. Geplant ist
1.) August – September pädagogischer Kurs von Frau Hug- Hellmuth. Es wurde beschlossen, ihr freie Reise und Aufenthalt hier zu gewähren. Frau Dr. Horney wird sie bei sich aufnehmen und bewirten, was für Frau H.-H. sehr angenehm sein wird, -
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da Horneys in einer Vorort-Villa wohnen. Was der Kurs an Einnahmen bringt, hat sie dann als Reingewinn. Die Poliklinik stellt das Lokal zur Verfügung.
2.) Im Anschluß an den Kongreß Vorträge in Berlin, woran sich außer Ihnen und mir noch Jones, Ferenczi, Ophuijsen , eventuell Rank und Sachs beteiligen sollen. Liebermann wird Ihnen und den andernin den nächsten Tagen alles Nötige mitteilen und Sie um Ihre Mitwirkung bitten. Wir denken an zwei Abenden je drei Stunden Vorträge stattfinden zu lassen. Ihnen würden wir unbegrenzte Redezeit, den andern je eine halbe Stunde gewähren.
3.) In jedem Quartal ein Ärztekurs.
4.) Einzelvorträge für Ärzte.
5.) Laienvorträge (Sachs).
6.) Ärzte-Analyse zum Zweck der Erlernung der Psychoanalyse (Sachs).
Hoffentlich billigen Sie diese Projekte, besonders Nr. 2! Morgen empfange ich den Besuch eines hiesigen Verlegers (Firma Reuss & Pollak), der irgendwie Anschluß an unsern Verlag finden will. Er hat schon mit Rank korrespondiert. Eitingon und ich hoffen, Sachs da in irgendeine Position hineinbugsieren zu können.
Wissen Sie, daß ich seit mehreren Wochen Frau Dr. Nacht behandle? Die Analyse schreitet glänzend vorwärts; mit welchem therapeutischen Erfolg sie enden wird, weiß ich noch nicht. Man kann viel von ihr lernen. Sie ist eine Autorität auf dem Gebiet der Zwangsneurose wie Schreber in der Paranoia.
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Ich füge diesem Brief ein Sammelreferat über die mir zugegangene spanische Literatur bei; es ist für den Jahresbericht bestimmt. Hoffentlich kann Rank die Kleinigkeit da noch unterbringen. Die in der Nr. 2 der Zeitschrift (welche mir in Korrektur vorliegt) erwähnten spanischen und portugiesischen Neuerscheinungen bin ich bereit, für die Zeitschrift zu referieren.
Ich schwanke noch, worüber ich im Haag sprechen soll. Entweder »Über den weiblichen Kastrations-Komplex«, oder über »Ergänzungen zum analen Charakter«. Auf beiden Gebieten gibt es noch genügend Neues zu sagen. Würden Sie einem dieser Themata den Vorzug geben?
Für Sie und die Ihrigen alle herzlichste Grüße, auch namens meiner Frau hinzufügend, bin ich Ihr
Karl Abraham
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