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[Briefkopf VI Berlin] 3. 12. 24
Lieber Herr Professor,
Vorgestern erhielt ich Ihre Antwort auf das Rundschreiben an die Präsidenten. Sie sind bisher der einzige, der geantwortet hat! Es ist mir leid, daß Sie sich so viel Mühe gemacht haben, obwohl ich mich über Ihr Schreiben so sehr gefreut habe. Der Präsidial- Briefwechsel sollte ja ein Ersatz für den Komitee-Rundbrief sein, und wenn dieser wiederhergestellt ist, so kann der erstere getrost wieder wegfallen. Mir lag daran, vor Wiederbeginn des intimen Briefwechsels den offiziellen wenigstens einmal angeregt zu haben, da doch ein Beschluß vorlag.
Unsre Äußerung zur Komitee-Frage hat sich offenbar mit Ihrem Brief gekreuzt und wird Sie hoffentlich befriedigt haben. Die Verzögerung kam dadurch, daß der Brief zweimal geschrieben werden mußte und dann noch zur Unterschrift zirkulierte. Wir werden, wenn wir nicht anders instruiert werden, um die Mitte des Monats wieder schreiben.
Alle Ihre Nachrichten haben mich so sehr interessiert, darunter die Gutachten-Angelegenheit besonders. Den Brief von Brill erhielt ich von Ferenczi und füge ihn heute wieder bei. Br. ist im Grunde doch ein anständiger Kerl, der es mit den andern in N[ew] Y.[ork] nicht leicht hat, aber als -
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Analytiker nicht erstklassig, und als Mensch zu schwankend. Sehr traurig, was er über Ranks zersetzende Tätigkeit in NY. berichtet! Aber ich glaube, diese Welle wird sich rasch verlaufen.
Heute bekam ich Ihre Handschrift ganz unerwartet zu sehen.
Frau Orska brachte mir Ihre Empfehlung, und ich werde sehen, sie noch in meinen Tag einzureihen. Ein schwerer Fall, wie alle Gift-Gewöhnungen, aber wahrscheinlich einer, an dem man Neues lernen kann.
Wo von dem Lämmchen und der Muttermilch schon die Rede gewesen sein sollte, ist mir nicht erinnerlich. Aber natürlich darf ich mich auf mein Gedächtnis nicht verlassen, wie immer, wenn man etwas Neues gefunden zu haben meint.
Zu meiner Untersuchung über die Sieben habe ich endlich etwas klinisches Material gefunden. Zuerst – auch etwas Verges- senes! – im Traum von den Wölfen in der »Infantilen Neurose«, dann aber in der Analyse eines neuen Patienten. Ich glaube, bald genügend schlüssiges Material beisammen zu haben. – Zu dem von Ihnen, lieber Herr Professor, vermuteten Zahlensystemen mit der Sechs habe ich keine Belege finden können, speziell nicht bei den Babyloniern, trotz aufmerksamen Suchens. Wußten Sie übrigens, daß die Babylonier eine fünftägige Woche hatten? Von dieser scheint der tabuierte siebente Tag ganz unabhängig zu sein. Ich hoffe, -
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Weihnachten zu weiteren Nachforschungen Zeit zu finden.
Ich habe noch eine wissenschaftliche Frage, deren Beantwortung nicht drängt, und Sie sollen keineswegs deshalb einen Brief schreiben oder diktieren! Die Frage betrifft einen Punkt der Sexualtheorie. Ihre Auffassung vom Leitzonenwechsel beim Weibe in der Pubertät hat sich in praxi immer als zutreffend erwiesen. Mir ist neuerdings aber eine Vermutung gekommen, ob es nicht in der frühen Kindheit bereits eine, zur Verdrängung bestimmte, vaginale Frühblüte der weiblichen Libido gibt, auf welche dann die Vorherrschaft der Klitoris als Ausdruck der phallischen Stufe folgen würde. Mancherlei Beobachtungen scheinen mir in diesem Sinne zu sprechen. Ist die Auffassung richtig, dann würde sie für uns einen Vorteil haben: wir würden den weiblichen Ödipus-Komplex besser verstehen können aus einer frühen vaginalen Re-
aktion auf den Penis (des Vaters),*) und der Leitzonen-Wechsel der Pubertät wäre eine Erneuerung des ursprünglichen Zustandes. Vielleicht ist es berechtigt, dieser Vermutung, die sich auf
mancherlei Beobachtungen gründet, einmal etwas nachzugehen. Sie würde sich der bisherigen Lehre wohl einordnen lassen, zu der sie ja nicht im Gegensatz steht, sondern der sie eine kleine Ergänzung geben könnte. Wenn es Ihnen der Mühe wert scheint, könnte ich einiges
*) etwa in Gestalt von spontanen Kontraktionen -
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über die Beobachtungen mitteilen, die mir den Gedanken nahe gelegt haben. Dieser selbst ist noch nicht sehr geklärt, besonders das Verhältnis zur phallischen Stufe ist noch unklar.
Gestern hatten wir Sitzung (kleine Mitteilungen) und hörten u.a. einen ausgezeichneten kleinen (klinischen) Beitrag der Frau Dr. Benedek aus Leipzig über Erythrophobie.**
Diese Frau erwirbt sich wirkliche Verdienste durch Heranziehung junger Leute ebenso wie durch ihre vorzügliche praktische Tätigkeit. Allerlei Sonstiges aus Berlin verspare ich für den nächsten Rundbrief. Darum für dieses Mal nur noch sehr viele gute Wünsche für Ihre Gesundheit und herzlichste Grüße von Haus zu Haus von Ihrem
Karl Abraham
** bereits für die Zeitschrift angenommen
Bismarckallee 14
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Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F8