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Allenstein, 21. 6. 18 Lieber Herr Professor, Fast gleichzeitig erhielt ich von Ihnen und Sachs Nachricht und bin nun wieder über alles, was in Wien vorgeht, unterrichtet. So will ich heute wieder von mir berichten. Die Sorge um meine Mutter ist zur Zeit weniger akut. Sie ist nicht mehr in unmittelbarer Gefahr, leidet aber sehr unter den unverminderten Ödemen. Ich werde sie Anfang Juli besuchen, wenn mein Urlaub beginnt. Ich bleibe ca. fünf bis sechs Tage in Bremen, wende mich dann wieder ostwärts und fahre mit meiner Familie auf einige Wochen nach dem Seebad Rauschen (Adresse: Villa Benedicta, Seebad Rauschen, Ostpreußen). Anscheinend haben wir es dort mit Zimmer und Verpflegung gut getroffen. Rauschen ist ein nur aus Villen bestehender Kurort, vollkommen im Walde gelegen, der bis an die See reicht und als »Steilküste« 20-50 Meter zum Strande abfällt. Landschaftlich ist es sehr schön. Ich fühle mich sehr ruhebedürftig. Mein Dienst ist dauernd recht anstrengend. Seit einigen Monaten hat sich außerdem die psychoanalytische Praxis entwickelt, und ich muß aus finanziellen Gründen froh darüber sein. Aber es ist eine tägliche Extrabelastung um drei bis vier Stunden. Zum Teil sind die Behandlungen auch wissenschaftlich ergiebig. Nach dem Urlaub ist meine verfügbare Stundenzahl
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schon voll besetzt. Dank Ihrer Empfehlung hat Fräulein Haas aus Mainz sich an mich gewandt, und wir sind übereingekommen, daß sie Anfang August hier eintrifft. Sie bringt noch einen elf- jährigen Neffen zur Behandlung mit. Aus Ihrem Brief (vom Januar), den sie mir mitsandte, habe ich die Schwierigkeiten des Falles schon kennen gelernt. Eigentümlicherweise wollte ich Ihnen gerade in diesem Brief schreiben, daß ich gelegentlich diese Form des Widerstandes speziell bearbeiten möchte (Patienten, die in der Stunde nicht assoziieren, es dafür zu Hause tun). Ich habe darüber eine kleine Reihe von Erfahrungen gesammelt. Es scheinen mir recht schwierige und therapeutisch weniger günstige Fälle zu sein. Es ist mir eine Beruhigung zu hören, daß auch Sie mit dieser Form Ihre Mühe hatten. Ich befürchtete immer, daß da noch ein Mangel meiner Technik im Spiele sei. Sehr dankbar wäre ich für Ihren Rat in der Honorarfrage. Ich pflege jetzt, soweit möglich, 20 M. p. Stunde zu fordern; was meinen Sie im Falle H.? Kann ich über diesen Satz hinausgehen? Was Sie über die Naturalwirtschaft in der Praxis schreiben, ist auch mir geläufig. Es sind wunderliche Zeiten. Ich hoffe, Ihre Söhne bestehen auch weiter glücklich alle Wechselfälle des Krieges; Ihnen und den Ihren dort wünsche ich gute Erholung in der Tatra. Sehr freute mich Ihr Bericht über Reiks wissenschaftliche Leistungen; ich halte viel von ihm. Die Hoffnung, Sie, lieber Herr Professor, in diesem Jahre zu sehen, gebe ich noch nicht ganz auf! Es wäre eine große Freude nach fast vier Jahren. Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus Ihr Karl Abraham
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F6