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Grunewald, 3 . 6. 19
Lieber Herr Professor,
Noch immer ist der Verkehr Berlin – Wien sehr langsam und unregelmäßig. Nur zweimal in der Woche verkehrt ein direkter Zug. Man ist fast in die Zeit der Postkutsche zurückversetzt. Ich hoffe von ganzem Herzen, daß in der Zeit seit Absendung Ihres letzten Briefes das Befinden Ihrer Gattin sich vollständig gebessert hat. Auch wir sind noch immer nicht mit den Grippe-Erkrankungen fertig. Wenn Sie in nächster Zeit nicht dazu kommen sollten, mir etwas über den Verlauf der Krankheit mitzuteilen, so beauftragen Sie vielleicht Rank damit, der mir ja oft zu schreiben hat!
Die Gefangenschaft Ihres ältesten Sohnes geht nun wohl ihrem Ende entgegen. Die letzten Nachrichten lassen doch eine Einigung im Laufe dieses Monats erhoffen.
5. 6. Zwei sehr bewegte Tage haben mich nicht zur Fortsetzung des Briefes kommen lassen. Neben meiner Arbeit für die Praxis, die jetzt den ganzen Tag ausfüllt, hatte ich mich seit fünf Monaten fast täglich um eine endgültige Wohnung bemüht. Die letzten zwei Tage wurden – neben der Arbeit – ganz von Verhandlungen wegen einer solchen ausgefüllt. Endlich haben wir nun zum 1. Oktober eine sehr geeignete Wohnung gefunden, müssen uns also noch -
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vier Monate mit dem Provisorium behelfen. Die voraufgegangene Zeit hat übrigens bewiesen, daß die Patienten die Entfernung nach der Kolonie Grunewald nicht scheuen, und so habe ich ganz in der Nähe unsres bisherigen Refugiums gemietet.
Inzwischen ist das Heft über Kriegsneurosen eingetroffen, an dem mich besonders Jones’ Beitrag interessiert. Ich bin aber noch nicht zum Lesen gekommen.
Unter meinen Patienten ist, wie Sie wissen, auch Kollege S[immel]. Er macht zweifellos Fortschritte. Vielleicht kann ich bald endgültig Gutes über ihn berichten. Ich weiß nicht, ob ich letztes Mal bereits erwähnte, daß ich eine querulierende Paranoia in Behandlung genommen habe. Der Erfolg ist fortschreitend gut. Der Patient hat das Interesse an den Dingen, um die er queruliert, verloren, ist wie umgewandelt und macht eine erstaunliche Wen- dung vom Mann zum Weibe durch. Er ist eine volle und glänzende Bestätigung Ihrer im »Schreber« entwickelten Theorie. An eine therapeutische Beeinflußbarkeit hatte man aber doch bei einem Querulanten am wenigsten gedacht. Dieser Mann, der vor zwei Monaten nichts tat und dachte als querulieren, sagte mir heute: »ich fühle mich sauwohl«. Die Schnelligkeit der Besserung kann sich wohl nur aus einem Umstand erklären, nämlich daraus, daß die Homosexualität nur wenig verdrängt war und in ihrer Bedeutung auch dem Patienten sehr rasch evident wurde.
Zum Schreiben komme ich schon seit Wochen nicht. Die -
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angekündigte Arbeit über den weiblichen Kastrations-Komplex ist in den Anfängen stecken geblieben. Jetzt, da das Herumrennen wegen der Wohnung vorüber ist, hoffe ich, wieder produktiver werden zu können.
Wie denken Sie dort über eine Zusammenkunft bzw. einen Kongreß im Laufe dieses Jahres? Solange die Reise ins Ausland so erschwert ist, kommt wohl Haag nicht in Betracht. Wir hier würden uns sehr freuen, wenn eine deutsche Stadt in Betracht gezogen würde! Unser Verein bittet sehr, diesen Gedanken in Erwägung zu ziehen!
Reik hat sich bisher nicht wieder gemeldet. Er wollte schon vor längerer Zeit nach Berlin kommen.
Am Schluß dieses Briefes möchte ich noch einmal den Wunsch für eine rasche Genesung Ihrer Gattin aussprechen.
Mit herzlichsten Grüßen von Haus zu HausIhr Karl Abraham
Schleinitzstraße 6
Berlin – Grunewald 14193
Germany
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F6