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S.
Allenstein, 19 . 5. 18 Lieber Herr Professor, Ihr Geburtstag ist vorübergegangen, ohne daß Sie ein Lebenszeichen von mir erhielten. Ich hole den Glückwunsch heute nicht minder herzlich nach! Anfang Mai kam ich vom Würzburger Psychiater-Kongreß nach Bremen und traf meine Mutter schwer erkrankt an, so ernst, daß ich tagelang nicht riskieren durfte, wieder abzureisen. Es handelte sich um ein völliges Versagen von Herz und Nieren, schwere Ödeme, dazu noch um den Verdacht einer bösartigen Geschwulst. Nur weil ich nicht länger bleiben konnte, reiste ich nach Allenstein zurück. Inzwischen ist die Lebensgefahr für den Augenblick behoben, der Schwächezustand aber weiter sehr ernst. Ich bekomme noch täglich Nachricht durch Telegramm oder Eilbrief über das Ergehen meiner Mutter. Sie werden mir nicht böse sein, daß ich unter solchen Umständen das Schreiben verschob. Uns geht es hier sonst gut. In der sehr primitiven neuen Wohnung haben wir uns eingelebt. Der große Garten ist ein Paradies für die Kinder. In letzter Zeit hat sich meine private Tätigkeit gehoben. Ich habe täglich zwei Analysen; eine dritte wird wohl hinzukommen. Eine davon, Zwangsneurose, bringt einen sehr schönen Erfolg. Für die Ferien der Kinder, die schon Ende Juni beginnen, werde ich mir wohl Urlaub nehmen. Wohin wir gehen, ist noch unsicher, doch zwingen die jetzigen Reise-Verhältnisse uns, inner- halb der Provinz zu bleibe
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S.
n. In Würzburg verlebte ich paar herrliche Tage, voll von Natur- und Kunstgenüssen. Neben den Bauwerken bietet W. besonders Schönes an mittelalterlicher und späterer Plastik. Übrigens lernte ich an einem Abend unsern Kritiker Isserlin kennen, in einem kleinen Kollegenkreise. Er saß mir gegenüber und zollte der Psychoanalyse sogleich seinen Tribut, indem er sein Glas umwarf; auch sonst fand ich ihn recht neurotisch, war auch erstaunt, in ihm einen Rasse-Genossen zu finden. Zu den Referaten Pötzl und Simmel für die Zeitschrift bin ich in dieser Zeit gar nicht gekommen; vielleicht demnächst! Von Ihnen und allen Wienern vernahm ich lange nichts. Sachs schrieb ich von Würzburg eine Karte; sie kam aber, weil Ansichtskarte, als »unzulässig« kürzlich zurück. Grüßen Sie ihn bitte besonders! Ich bin jetzt so wenig zum Schreiben aufgelegt. Was hören Sie von Ihren Söhnen draußen, und wie geht es Ihnen allen daheim? Nehmen Sie für sich und die Ihren von meiner Frau und mir herzlichste Grüße! Ihr Karl Abraham
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F6