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    Grunewald, 5. 5. 19Lieber Herr Professor,
    Dieser Brief sollte Sie am 7. Mai erreichen, verspätet sich nun aber doch um einige Tage. Meine Glückwünsche sind darum nicht minder herzlich gemeint! Ich hatte den Wunsch, Ihnen, wie schon früher ein paarmal, zu diesem Tage einen wissenschaftlichen Beitrag zu senden, aber die betreffende Arbeit wird umfangreicher als ich dachte, und in meinen knappen Freistunden werde ich sie erst in Wochen fertigstellen können. Sie behandelt, an Ihre neue Publikation über das Tabu der Virginität anknüpfend, den Kastrationskomplex des Weibes und bringt, glaube ich, einiges Neue. Ich sprach vor einigen Tagen über das Thema in unserm Verein.
    Seit Kriegsschluß haben wir regelmäßige und gegen früher weit fruchtbarere Sitzungen. Den Kollegen S.[immel] habe ich jetzt in Behandlung! Seine Widerstände sind nicht die von Ihnen vermuteten Breuerschen, wenigstens nicht in erster Linie, sondern in der Hauptsache narzißtisch. Solange er allein war und sich als Entdecker fühlen konnte, ging es ganz gut; er verträgt aber nicht die Einordnung in die Organisation, in der er nicht der erste ist. Seine Widerstände gegen die Behandlung sind enorm, und ich weiß noch nicht, ob ich ihrer Herr werde.
    Von mir kann ich berichten, daß es mir gesundheitlich jetzt ziemlich gut geht. Die Praxis ist lebhaft und wird in einiger Zeit auch wohl an Einträglichkeit zunehmen. Bei meinen Analysen habe ich den Eindruck, daß ich technisch trotz der langen

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    Pause Fortschritte gemacht habe. Die Beschäftigung mit den Neurosen und Psychosen im Lazarett war zwar weniger intensiv bezüglich des einzelnen Falls, hat aber doch sehr viele Einblicke gewährt und die Erfahrung sehr erweitert.
    – Vielleicht interessiert es Sie zu hören, daß ich kürzlich eine querulierende Paranoia zu analysieren begonnen habe – überaus instruktiv und Ihre Anschauungen voll bestätigend.
    Eitingon wird Ihnen demnächst schreiben. Er war längere Zeit in Leipzig, da sein Bruder gestorben ist. Vorher referierte er uns an einem Abend Ihre Arbeit über die infantile Neurose. In der vorletzten Sitzung brachte Frau Dr. Horney eine vorzügliche Analyse einer merkwürdig infantilen Neurotica (vielleicht Hebe- phrenie). Liebermann ist sehr eifrig, ebenso unser neues Mitglied Boehm.
    Wir sind noch immer ohne definitive Wohnung, wie die Lebensverhältnisse überhaupt recht schwierig sind. Den Meinigen geht es gut, hoffentlich Ihnen und den Ihrigen ebenfalls.
    Wir sollten uns bald entscheiden, ob ein Kongreß und wo er stattfinden soll. Holland ist wohl der gegebene Boden, obwohl gerade für die Österreicher die Valuta diese Reise in hohem Maße erschwert. Ich wäre für eine  sofortige  Umfrage bei den Gruppen zur Feststellung, ob eine genügende Beteiligung in Holland zu erwarten ist.
    Ist keine Aussicht, daß Sie, lieber Herr Professor, nach Deutschland (Hamburg) kommen?
    Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus

    Ihr Karl Abraham