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[Briefkopf VI Berlin] 20. 10. 24
Lieber Herr Professor,
Der Widerstand eines Patienten, der mich mit einer Stunde ungestörten Alleinseins beschenkt, gibt mir die Möglichkeit,
Ihnen sogleich zu antworten. Ich hatte keinen so ausführlichen Brief erwartet und war daher doppelt erfreut, Sie – wenn auch nicht sprechlustig – so doch schreiblustig zu finden. Aber zur Be-
ruhigung im voraus: dieser Brief bedarf keiner Antwort, er enthält nur ein paar Mitteilungen, die ich Ihnen auch 14 Tage später hätte machen können; aber es freut mich nun einmal, wenn ich Ihnen ein bißchen berichten kann.
Das »Gerücht« hatte sich schon vor Ankunft Ihres Briefes verflüchtigt. Der Redner, der hier in einer zionistischen Gesellschaft sprechen soll, ist ein Mittelschullehrer Ihres Namens in Wien. Die Einladungen zu dem Vortrag enthielten aber den Namen »Prof. Fr. aus W.« Wahrscheinlich eine Fehlleistung des Vereinspräsidenten mit der Wirkung, daß Ihr Namensvetter einen unerwartet großen Zulauf haben wird.
Vor kurzem besuchte mich ein junger Lehrer vom Gymnasium meines Sohnes, um mich über ya Literatur -
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zu befragen. Er erzählte mir, er habe für das Staatsexamen eine Abhandlung zu liefern über den »Begriff der Erotik bei Freud.« Es geschehen noch Zeichen und Wunder, sogar in Preußen! Vor einigen Tagen habe ich dann die kleine, ganz hübsch gelungene Arbeit durchgelesen.
Ich habe angefangen, das Buch von Levy-Bruhl (Sorbonne) über das Denken der Naturvölker zu lesen, das erste, das mir für meine Untersuchung über die Sieben von Nutzen sein wird. Später mehr davon!
Vielleicht interessiert es Sie, lieber Herr Professor, etwas über die Psychoanalyse von Mrs. Str.[achey] aus London zu hören. Mir ist von Anfang an aufgefallen, daß die langdauernde Arbeit mit Ihnen wie ausgelöscht ist. Wir müssen alles neu auffinden, da alle von der ersten Analyse eruierten Tatsachen entschwunden sind, während das allgemeine Wissen von der Psychoanalyse intakt ist. Sie wissen wohl noch, daß die Pat. ihren Vater in den ersten Wochen ihres Lebens verloren und keine eignen Erinnerungen an ihn hat. Neben andern Motiven für die Amnesie liegt eine volle Gleichsetzung Ihrer Person mit dem Vater vor – an beide hat sie keine Erinnerung. Dagegen hat sie auf Sie die nämlichen Rettungsphantasien wie auf den Vater gerichtet.
Die Kritik von Placzek las ich bereits; sie bot mir nichts Neues. Pl. ist aber nicht ungefährlich durch die -
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Böswilligkeit seiner Angriffe. Er hat kürzlich in einer Diskussion eine wissentlich falsche Angabe gemacht, die zur allgemeinen Diskreditierung der Psychoanalyse bestimmt war. Er wurde zur Zurücknahme der un- wahren Behauptung genötigt. Zur Charakteristik der Persönlichkeit mag dienen, daß Pl. getaufter Jude ist, der es fertig gebracht hat, als solcher die Leitung eines koscheren Sanatoriums zu übernehmen und über die rituelle Kost als »Heilfaktor« zu schreiben, daneben aber im Kirchenrat der »Kaiser Wilhelm-Gedächtnis- Kirche« saß. Weiteres zu sagen ist unter diesen Umständen wohl nicht erforderlich.
Es ist mir unendlich leid, daß Ihnen, lieber Herr Professor, vielleicht noch Aufregungen durch Ottos Rückkehr entstehen werden, und daß man gar nichts tun kann, um Ihnen dergleichen zu ersparen. Auch ich sehe leider nichts Gutes kommen und kann mir kaum mehr ein Zusammenarbeiten vorstellen. Die andre Frage, wie wir eine so seltene Arbeitskraft ersetzen sollen, tritt an Bedeutung dagegen zurück; denn nach einer ausführlichen Besprechung mit Hanns und Max bin ich der Meinung, daß alle Schwierigkeiten zu beheben sind. -
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Wir haben auch die Zukunft des Verlags besprochen; es sieht aus, als ließe sich auch diese vielleicht auf eine festere Grundlage stellen. Falls wir also auf Otto definitiv verzichten müssen, so wird diese Situation uns nicht ratlos treffen. Die praktischen Konsequenzen machen mir also nicht so viel Sorge wie die persönlichen Wirkungen, die das Zusammentreffen mit Otto haben könnte. Ich hoffe, Max’ Anwesenheit in Wien um das Ende dieses Monats wird etwas zur Erleichterung der Situation beitragen.
Eine kleine Hoffnung schließt sich trotz allem an die kommenden Ereignisse. Kommt es wirklich zu einer völligen Scheidung Ottos von Ihnen, so stände kaum etwas im Wege, daß wir andern das Komitee wiederherstellten. Heute darf man ja sagen, daß in S. Cristoforo und Lavarone Ottos Bestreben auf Sprengung des Komitees hinausging. Wir saßen damals über Ernests in-
korrektes Verhalten zu Gericht, weil durch dieses Verhalten der Bestand des Komitees bedroht sei. Die viel ernstere Bedrohung lag auf ganz andrer Seite.
Rückblickend möchte ich sagen, daß der neurotische Prozeß bei Otto sich im Laufe mehrerer Jahre vorbereitet hat. Zu derselben Zeit, da er mit übergewissenhafter Arbeitsleistung die negativen Tendenzen kompensierte, wurde sein Bedürfnis nach freundschaftlichem Zusammengehen mit uns andern immer geringer, sein eigenmächtig-tyrannisches Vorgehen in vielen Beziehungen immer -
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auffälliger. Dazu kommt die zunehmende Betonung des Geldinteresses bei gleichzeitiger immer erhöhter Reizbarkeit und feindseliger Haltung. Also eine unverkennbare Regression ins Anal-Sadistische. Der Verlust aller freundlichen Gefühle Ihnen gegenüber trat neuerdings klar zutage. Wenn ich alles dies bedenke, so kann ich mich auch jetzt nur auf den analytischen Standpunkt stellen; ich fühle Otto gegenüber keine Spur von Feindseligkeit. Meine Reaktion besteht in einem unendlichen Bedauern darüber, daß Sie noch einmal so Schweres, und gerade an Otto, erleben mußten, und daß Otto selbst – wie es scheint, unaufhaltsam – auf eine krankhafte Bahn geraten ist. In unsrer Zusammenkunft stellte ich mit Hanns und Max fest, daß sie beide jetzt unter starken Affekten stehen und aus diesen heraus jedes weitere Zusammengehen mit Otto ablehnen, während ich mit den Affekten längst fertig bin und nur mehr die psychologische Aussichtslosigkeit betone. – –
Vorige Woche habe ich Sándor ausführlich geschrieben und hoffe bald von ihm zu hören.
Mit herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus und vielen guten Wünschen für Ihr Ergehen
Ihr Karl Abraham
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