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S.
Grunewald, 3. 8. 19.
Lieber Herr Professor,
Ich begrüße Sie in Ihrer Sommerfrische und wünsche Ihnen von den kommenden Wochen so viel Erholung und angenehme Eindrücke, wie Sie deren, Ihrem letzten Briefe nach, bedürfen. Dieselben guten Wünsche gelten auch Ihrer Schwägerin. Ihre Gattin hoffe ich wohlbehalten in Salzburg angelangt und auf dem Wege zur vollkommenen Genesung. Wir in Berlin durchleben einen so kühlen Sommer, daß wir nicht so sehr wie sonst hinaus- zustreben brauchen. Auch leben wir in unserm Villenvorort recht idyllisch, sozusagen im Walde, mit großer Veranda, Garten usw. Das erleichtert sehr das Hierbleiben. Dazu kommt, daß wir nun seit dreieinviertel Jahren nur das haben, was man im Koffer auf die Reise mitnimmt. Unsre Sachen sind noch beim Spediteur, dermaßen verstaut, daß wir sie vor dem Einzug in die definitive Wohnung nicht erreichen können. Nach mehr als dreijährigem Chambre-garnie-Leben sehnen wir uns nach dem Behagen zu Hause mehr als nach neuen Provisorien. Nur eine kleine Reise nach Bremen haben wir kürzlich gemacht, um meiner Mutter die Kinder einmal wieder vorzustellen, die sie in den drei ostpreußischen Jahren nicht gesehen hatte.
Obgleich auch ich nicht zu optimistisch von der Zukunft -
S.
denke, sehe ich sie doch nicht so schwarz, wie Sie es in Wien wohl tun müssen. Wenigstens im Augenblick geht es bei uns nicht noch weiter bergab.
Falls ein Kongreß in diesem Herbst nicht sein kann, wäre ich froh, wenn wir wenigstens eine engere Zusammenkunft haben könnten – vielleicht ganz privat nur der engste Kreis oder offiziell die Gruppenvorstände. Welchen Ort würden Sie vorschlagen? Ich wäre sehr für Lindau oder Konstanz am Bodensee, das von Österreich gut erreichbar ist und wegen der Nähe der Schweiz gute Verpflegungsverhältnisse bietet. Binswanger könnte uns dort alles vorbereiten.
In unsrer Gruppe steht es gut. Der Eifer ist groß, die Leistungen viel besser als früher. Von Eitingon wissen Sie bereits, daß Ihre Budapester Anregung auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Die Poliklinik wird im Winter eröffnet werden und soll sich zu einem psychoanalytischen Institut auswachsen. Alles Nähere wird Eitingon, die treibende Kraft der Sache, Ihnen mitgeteilt haben. Kollege S.[immel], über den wir korrespondierten, hat sich im Anschluß an eine teilweise Psychoanalyse bei mir (die demnächst fortgesetzt werden soll) entschieden günstiger entwickelt. Ich hoffe für die Zukunft Gutes von ihm, wenn auch mehr therapeutisch als wissenschaftlich. Für die Poliklinik ist er uns unentbehrlich.
Die Praxis ist dauernd lebhaft und füllt mich so aus, daß ich zu nichts andrem komme. Die langwierige Bronchitis -
S.
mit ihren Begleiterscheinungen, die bis zum Beginn des Sommers dauerte, hat mich recht mitgenommen, sodaß ich zu wissenschaftlicher neben der praktischen Tätigkeit nicht die frühere Frische habe. Die enormen Kosten des Unterhalts und des bevorstehenden Umzugs nötigen zur Fronarbeit. Ich hoffe aber, in einiger Zeit wieder vollkommen brauchbar zu sein. Wissenschaftlich hätte ich eine Menge von Themata zu bearbeiten. Ich denke, im Winter eine mehrwöchige Pause zu machen, um meinen Atmungsorganen einen Teil des hiesigen Winters zu ersparen. Ich möchte dann irgendwo sein, wo es viel Sonne gibt, Engadin, Davos oder dergl.
Von Tausks traurigem Ende hatte ich noch nichts gewußt. Er hatte in Budapest einen bedenklichen Eindruck gemacht. Der typische Neurotiker, der seine mühsam unterdrückte Gewalttätigkeit schließlich gegen sich selbst richtet!
Ich freue mich über die verschiedenen Neuauflagen und danke im voraus für die in Aussicht gestellten Exemplare. Nachdem die Sperre aufgehoben ist, will ich jetzt an Jones schreiben. Hören Sie von Ferenczi und Freund noch immer nichts Näheres? Wie ist’s mit dem geplanten Institut in Budapest? Wenn Sie in Gastein einmal gar nichts Besseres zu tun wissen, würden Sie mich durch einen Brief sehr erfreuen. Meine Frau und ich grüßen Sie herzlich!
Ihr Karl Abraham
Schleinitzstraße 6
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Berggasse 19
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C15F6