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[Briefkopf V Berlin] 16. 7. 20
Lieber Herr Professor,
Ihren Argumenten füge ich mich selbstverständlich. Ich hätte Ihnen den zweiten Vorschlag, in Berlin vor dem Kongreß zu sprechen, bestimmt nicht gemacht, wenn Sie den ersten mit diesem Grund abgelehnt hätten. Damals schrieben Sie nur, daß es Ihnen um die ursprünglich geplante Zeit nicht recht sei; eine prinzipielle Ablehnung enthielt Ihr erster Brief nicht. Also ist meine Schuld nicht ganz so schwer. Wir haben übrigens auf den ganzen Plan verzichtet. In der von uns beabsichtigten Form hätte er bedeutende Kosten gemacht, und die hätten sich nur decken lassen, wenn Ihr Name das Interesse der Ärzte geweckt hätte. – Aber im Haag werden Sie doch sprechen?
Nun will ich Ihnen von Halle berichten. Der Vortrag fand erst am 10. Juli statt und war ein sehr schöner Erfolg. Ich sprach vor 30 Ärzten, hauptsächlich solchen der inneren Klinik. Die Psychiater waren unter mannigfachen Begründungen ferngeblieben, nur ein Arzt der städtischen Irrenanstalt war erschienen. Meine Zuhörer waren zuerst skeptisch-ablehnend. Das überlegene Lächeln verwandelte sich im Lauf des Vortrags in größte Auf-
merksamkeit. Die Diskussion brachte weit mehr Zustimmung als Widerspruch. Ein Privatdozent trat sehr bestimmt für die Psychoanalyse ein; ihm folgte ein zweiter. Andre stellten sehr sachliche Fragen, u.a. auch bezüglich der Möglichkeiten, die Psychoanalyse zu erlernen. Einer der älteren Ärzte der Klinik erklärte mir hernach, er sei bisher völlig ablehnend -
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gewesen, habe aber durch den Vortrag eingesehen, daß an der Psychoanalyse doch etwas daran sei. Ein junger Assistent äußerte sich bestimmt dahin, daß er sich mit der Psychoanalyse bekannt machen und zu diesem Zweck nach Berlin kommen wolle. Der erwähnte einzige Psychiater äußerte, die jüngste Psychiater-Generation »neige sehr stark zu Freud«. Ich bin sehr befriedigt abgereist. Eventuell soll ich im Herbst im Hallischen Ärzteverein sprechen, der ca. 200 Mitglieder zählt. Überhaupt häufen sich solche Anträge. Heute z.B. wurde ich angefragt, ob ich diesen Winter im Monistenbund sprechen wolle. Ich habe nicht abgelehnt, in der stillen Hoffnung, für Sachs eine Möglichkeit offen zu halten.
Zu Frau Hug-H.[ellmuth]’s Kurs liegen schon gegen 30 Meldungen vor.
Heute besuchte mich Ignotus aus Budapest, der seit einigen Monaten in Berlin lebt, um über Ferenczi zu hören. Ich konnte ihm nichts sagen. Bitte berichten Sie mir doch über ihn! Wenn übrigens F’s Stellung in Budapest so gefährdet ist, so sollte man vielleicht versuchen, ihn nach Wien zu ziehen. Denn er wäre doch der geeignete Mann für die geplante Poliklinik, von der mir gestern Schmideberg erzählte. Die Personalfrage wäre damit doch in glänzendster Weise geklärt. Aber ich weiß ja nicht, ob dieser Plan durchführbar ist.
Von Oliver habe ich noch nichts gehört, auch Ernst schweigt. Ich hoffe es geht Ihnen allen gut. Wir bleiben während der Ferien zu Hause, nur Ende des Monats gehe ich mit meiner Frau ein paar Tage fort, um die Verlobung meines Bruders zu feiern.
Mit herzlichsten Grüßen für Sie und die Ihrigen
Ihr Abraham
Bismarckallee 14
Berlin-Grunewald 14193
Germany
C15F7