• S.

    Grunewald, 13 . 3. 22

    Lieber Herr Professor,
    Es ist schon sehr lange her, daß ich in Wien war, und noch haben Sie nicht direkt von mir gehört. Nur Ihrer Gattin schrieb ich nach der Heimkehr, um Ihnen allen für die schönen Wiener Tage zu danken. Was seither sich ereignet hat, fand im Rundbrief Platz, und seit ich in Wien wieder gesehen habe, wie Sie bis in die Nacht hinein korrespondieren, habe ich eine noch größere Scheu als früher, Ihnen diese Last noch zu erschweren. Aber zu Zeiten gewinnt der Wunsch, Ihnen

     

  • S.

    zu berichten, doch wieder die Oberhand, und so gebe ich ihm heute einmal nach.
    Die oft erdrückende Arbeitslast läßt mich nicht dazu kommen, gewisse Fragen in freien Stunden durchzuackern, wie ich es möchte. Vor allem die Probleme der manisch-depressiven Zustände. Meine beiden Analysen aus diesem Gebiet geben mir aber in den täglichen Stunden immerhin gute Aufschlüsse, und einiges, worüber wir im Herbst sprachen, gewinnt festere Gestalt. Sehr interessant erscheinen mir Parallelen zur Kleptomanie, die auch aus der oralen Phase stammt und ein Abbeißen von Penis oder Brust darstellt. Das gleiche Ziel

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    verfolgt auch die Regression der Melancholischen, nur in andrer Form.
    Ganz eklatant ist das Insichaufnehmen des Liebesobjekts in meinen Fällen; ich kann für diese Ihre Auffassung sehr schönes Material beibringen, das den Hergang in allen Einzelheiten erkennen läßt. Bei dieser Gelegenheit habe ich eine kleine Bitte, nämlich um einen Sonderabdruck von »Trauer und Melancholie«, der mir bei meiner Arbeit sehr bequem wäre. Im voraus besten Dank. Zu dieser Arbeit eine kleine Bemerkung! Sie, lieber Herr Professor,

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    vermissen im Ablauf der normalen Trauer einen Vorgang, der dem Umschlag der Melancholie in Manie entspräche. Ich glaube ihn aber doch namhaft machen zu können, ohne zu wissen, ob diese Reaktion etwas Regelmäßiges darstellt. Ich habe den Eindruck, daß ziemlich viele Menschen einige Zeit nach einem Trauerfall eine Steigerung der Libido zeigen; sie äußert sich als gesteigertes sexuelles Bedürfnis und scheint relativ häufig z.B. zur Kinderzeugung kurze Zeit nach einem Trauerfall zu führen. Ich wüßte gern gelegentlich, wie Sie darüber denken, auch ob Sie die Beobachtung bestätigen können. Die Steigerung der Libido einige Zeit nach dem »Objektverlust« wäre wohl eine gute

  • S.

    Ergänzung der Parallele zwischen Trauer und Melancholie. – –
    Was Sie mir über Pseudologia phantastica sagten, hat sich mir vollauf bestätigt. Die äußerst phantastischen Lügen meiner Patientin entsprechen wirklich der psychologischen Wahrheit.
    Kurz erwähnen will ich noch, daß ich demnächst in unsrer Vereinigung über eine besondre Form von Fehlhandlungen sprechen werde. Ich diktiere den kleinen Aufsatz bald und sende ihn dann an Rank. Es handelt sich um Fehlleistungen, die ähnlich den Zwangshandlungen die verdrängte Tendenz nicht durchbrechen lassen, sondern sie überkompensieren.
    Von hier kann ich berichten, daß

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    meine Frau und ich Oliver einmal aufgesucht haben, als er noch lag, und ihn kürzlich einen Abend bei uns sahen. Die Knieverletzung scheint im Ausheilen zu sein.
    Im analytischen Kreise hier nichts Neues, außer dem im Rundbrief Berichteten.
    Hoffentlich geht es Ihnen allen gut. Von uns kann ich dies auch sagen. Wir machen jetzt schon Sommerpläne (St. Anton am Arlberg?)[.] Vorher wird meine Frau allerdings wegen ihrer Ischias ein Thermalbad aufsuchen müssen.
    Noch eine kleine Bemerkung. Ein Mitglied machte kürzlich in einer unsrer Sitzungen auf einen interessanten

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    Druckfehler aufmerksam. In Ihren Kleinen Schriften IV, »Geschichte der psychoanalytischen Bewegung« Seite 74 in der Fußnote »Diskredition« statt Diskretion. Der Fehler findet sich im Original (Jahrbuch der Psychoanalyse)  nicht. Wie der Setzer ihn hineingebracht hat, ist weniger interessant, als das Übersehen des Fehlers bei der Korrektur. Die Absicht zur Diskreditierung Jungs kommt sehr amüsant zum Vorschein.
    Noch viele herzliche Grüße für Ihr ganzes Haus, auch namens meiner Frau!
    Ihr Karl Abraham