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    [Briefkopf VI Berlin] 23. 8. 24

    Lieber Herr Professor,
    Gerade eine Woche bin ich nun wieder daheim. Länger darf ich nun nicht warten, wenigstens ein Lebenszeichen von mir zu geben und gewissen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Zunächst dem Gefühl einer großen und unvergeßlichen Freude, Sie, lieber Herr Professor, trotz allem Durchgemachtem immerhin so frisch, so teilnehmend und leistungsfähig gefunden zu haben, wie ich es nach den brieflichen Berichten kaum zu hoffen wagte. Ich reiste mit der Erwartung ab, daß der behagliche Aufenthalt auf dem Semmering zu Ihrer Erholung noch sehr viel beitragen wird. Und dann muß ich Ihnen und den Ihrigen allen sehr herzlich danken für alles Gute, das Sie mir angedeihen ließen! Die Tage bei Ihnen haben meiner Ferienreise einen so besonders schönen Abschluß gegeben. Ich hoffe sehr, daß Ihr Gesundheitszustand eine Wiederholung meines Besuches in nicht zu ferner Zeit gestatten wird.
    Ich hielt mich eineinhalb Tage in Wien auf. Im Verlag sprach ich mit Storfer wegen der Drucklegung meines Vortrages; Sie wissen bereits, daß er ihn mit einem früheren Aufsatz

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    zu einem Heft vereinigen will. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich rasch noch einen kleinen ergänzenden Teil über die Charakterformation auf der genitalen Stufe hinzufügen werde.
    Weiter hatte ich in Wien Gelegenheit, mit Dr. Deutsch zu sprechen. Obwohl die Einwände, die Sie gegen ihn erheben, nicht vollkommen zu entkräften sind, war es mir doch wichtig, mich
    überzeugen zu können, daß sein Verhalten entschuldbarer ist, als ich nach Ihrer Schilderung hatte annehmen müssen. Ich vermeide es, auf Einzelheiten einzugehen, weil das brieflich unerquicklich ist, und weil ich auch keinen Versuch machen will, in diesen Dingen zu intervenieren. Nur eines will ich erwähnen: daß für Dr. Deutschs Politik der Verdunkelung Ihnen gegenüber doch noch
    andre Motive maßgebend waren, als die, welche wir neulich besprachen. – Frau Dr. D. habe ich nicht gesehen, ich habe ihr aber geschrieben, daß Sie, lieber Herr Professor, sie in Wien zu sich bitten würden.
    Es ist ein bißchen komisch, daß ich zum Sprachrohr der verschiedensten Leute werde. Als ich heimkam, fand ich einen mir nachgereisten Brief von Reik, der mich bat, Sie von ihm zu grüßen, wenn ich Sie sähe, und Ihnen zu sagen, daß er mit unveränderter Anhänglichkeit an Sie denke und wissenschaftlich eifrig beschäftigt sei. Er wollte Ihnen auf diese Weise ein Zeichen des Gedenkens geben, das Sie zu nichts verpflichte. – –

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    25.  8.

    Bis hierher war ich vorgestern gelangt, als Ihr Brief eintraf. Inzwi-schen habe ich mich mit Ihrem Vorschlag befaßt und will Ihnen für die Anregung zunächst meinen allerbesten Dank sagen. Welche Freude, daß Sie das Problem der Sieben sogleich aufgegriffen und zum Ihrigen gemacht haben! Inzwischen habe ich die ethnologische etc. Literatur studiert, mit magerem Ergebnis. Entweder die »7 Planeten«, oder das »Viertel des Mondmonates«; das ist alles, was die Leute wissen.
    Die Idee mit dem Sechsersystem ist sehr interessant und ohne Zweifel ein wichtiger Beitrag, besonders in Verbindung mit 13, 19 etc. und mit dem Tabu des Ersten. Aber damit allein komme ich nicht aus, abgesehen davon, daß ich bisher nur für ein primitives System der 5, nicht  der 6 Anhaltspunkte fand. Unter vielen Argumenten hier nur eines: es ist nicht nur der siebente Tag, der 7. Monat etc. bei den Juden, Babyloniern etc. tabu, sondern alle gefährlichen, ein Tabu repräsentierenden Dinge (böse Geister etc.) sind sieben an der Zahl. Vor allem aber sind starke psychologische Gründe da, die eine Beziehung der 7 zum  Unbewußten
    unabweisbar machen. Aber ich bin überzeugt, daß mit diesen psychologischen Quellen andre konfluieren,

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    unter welchen die von Ihnen vermutete vielleicht eine große Bedeutung gewinnen wird. Man fragt sich wieder einmal, warum diesen Kück keiner unter den Orientalisten etc. gehabt hat.
    Ich fühle mich durch Ihre Mitteilung ermutigt, Ihnen zu berichten, sobald ich in der Sache neue Resultate habe. Aber ich kann solche nicht versprechen, da die Literatur mich sehr im Stiche läßt und ich bisher auf analytisches Material noch warte.
    Von einem andern Projekt vielleicht demnächst. Und nun für dieses Mal mit meinem Dank noch herzlichste Grüße von Haus zu Haus!
    Ihr Abraham