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    Allenstein 27. 10. 18 Lieber Herr Professor, Gerade ein Monat ist seit den schönen Budapester Tagen vergangen. Die dort gehabte Gelegenheit zur Aussprache hat die Korrespondenz für einige Zeit entbehrlich gemacht, aber nun möchte ich sie doch wieder aufnehmen. Inzwischen war die Neurosen-Tagung in Berlin, zu der ich, wie schon in Budapest erwartet, kommandiert wurde.1 Die politische Lage brachte es mit sich, daß Simmel und mir jedes für unsre Sache erfolgreiche Eingreifen versagt blieb. Denn naturgemäß war keine Stimmung für neue Vorschläge, da man in jenen Tagen mit raschem Frieden rechnete. Übrigens konnte ich mich überzeugen, daß die Feindseligkeit der nervenärztlichen Kreise gegen uns die alte geblieben ist. Ich kann nicht einmal sagen, daß ich darüber unglücklich bin. Denn daß die Psychoanalyse plötzlich aus irgendwelchen praktischen Überlegungen heraus Mode werden sollte, war mir gar nicht sympathisch. Wir hätten bald eine Anzahl Kollegen gehabt, die die Sache rein äußerlich mitgemacht und sich hernach als Psychoanalytiker ausgegeben hätten. Es bleibt also wohl einstweilen bei unsrer Outsider-Stellung. Auf der Rückreise von Budapest und neuerdings in Berlin habe ich Simmels nähere Bekanntschaft gemacht. Er geht über den Breuer-Freudschen Standpunkt noch in keiner Weise hinaus, hat starke – ihm selbst recht unklare – Widerstände gegen die Sexualität und hat leider auf der Berliner Tagung sogar hervorgehoben, daß nach seiner Erfahrung die Sexualität bei den Kriegsneurosen und in den Analysen keine wesentliche Rolle spiele. Vielleicht entwickelt er sich weiter. Aber wir dürfen ihn keinesfalls überschätzen. Der Brief,

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    den Sie mir in B.[udapest] zeigten, gibt also kein vollständiges Bild. Die Politik absorbiert jetzt soviel Interesse, daß man von der Wissenschaft unwillkürlich abgelenkt wird. Einiges an neuen Plänen beginnt dennoch zu reifen. Mit Fräulein H. komme ich vorwärts. Wie der therapeutische Erfolg sein wird, bleibt noch abzuwarten. Ich habe aber zum Zählzwang Neues gefunden. Ich will davon erwähnen, daß der mit ihm verbundene Zwang, Symmetrie herzustellen, u.a. direkt mit den Händen (Fingern) zusammenhängt. In diesem wie in ein paar früher analysierten Fällen sind die Hände eine wichtige erogene Zone. In unsrer Literatur ist von diesen Patienten noch gar nichts erwähnt, die bei libidinöser Erregung Kongestionen nach den Händen bekommen. Frl. H. hatte z.B. bei der kindlichen Vision eines ihr nahenden großen Körpers (Vater) das Gefühl des Anschwellens ihrer Finger. Mit dem jungen Neffen der Pat. gibt es anscheinend einen vollen Erfolg. Ich hoffe, Sie leiden nicht zu sehr unter der wirtschaftlichen Not Wiens, von der wir jetzt ständig lesen. Hier in Ostpreußen geht es uns in dieser Hinsicht noch erträglich. Aber die politische Zukunft liegt dunkel vor uns. Meine Frau ist augenblicklich in Berlin, ich erwarte sie morgen zurück. Wie geht es Ihnen und den Ihrigen allen? Die Veränderung meiner Handschrift hängt mit dem neuen Füllfederhalter zusammen, den ich von van Emden erhielt. Er hat eine viel zu spitze Feder, aber da man hier jetzt kein gutes System kaufen kann, muß ich froh sein, ihn zu haben. Mit herzlichsten Grüßen für Sie alle Ihr Karl Abraham Wenn Sie mir schreiben, lieber Herr Professor, erwähnen Sie bitte, wie es Sachs geht. Ferner bitte ich um van Emdens Adresse.