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Allenstein, Garnisonlazarett, 26. IV. 15 Lieber Herr Professor, Ihre Karte vom 19.1 hat mich ziemlich rasch erreicht, ebenso die Korrektursendung. Letztere habe ich bisher einmal kursorisch durchgelesen, möchte also heute noch nichts darüber äußern. Jedenfalls ist es sehr schön, daß in die Begriffe, mit denen wir fortwährend arbeiten, einmal wirkliche Klarheit gebracht wird. Die kleine Schrift über den Krieg habe ich mit Genuß gelesen; augenblicklich liest meine Frau sie in Berlin. Sie hatten unrecht, als Sie vor einiger Zeit etwas nichtachtend von dieser Arbeit schrieben. Bezüglich der Auffassung der Dinge kann es in diesem Fall ja kaum eine Differenz zwischen uns geben. Darum will ich nur hinzufügen, daß diese Schrift meinem Gefühl sehr sympathisch ist und daß ich auf das Kapitel vom Tod sehr gespannt bin. Beim Lesen fiel mir eine interessante Parallele auf: was unter gewöhnlichen Umständen der einzelne nicht tun darf, muß er in jetziger Zeit tun, und zwar in Gemeinschaft mit allen andern Männern. Ganz so ist es doch bei der Totem-Mahlzeit, wo die Gesamtheit das Tier verzehrt, das der einzelne im allgemeinen nicht berühren darf. Es freut mich, daß es Ihnen und den Ihrigen allen gut geht. Berichten Sie mir doch bitte auch weiter vom Ergehen Ihrer Söhne!
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Mir geht es hier recht gut. Ich habe neben dem Dienst genug freie Zeit für mich; zum Teil benütze ich sie für die versprochene Abhandlung über die orale Phase, die jetzt größtenteils fertig ist. In acht Tagen erwarte ich den Besuch meiner Frau; freilich kann sie nur kurze Zeit hier bleiben. Falls ich den Sommer über in A. ausharren muß, werden meine Frau und Kinder wohl diese Stadt als Sommerfrische wählen. Allenstein liegt sehr hübsch in einem wald- und seenreichen Gebiet, nur etwa 40 km westlich von den masurischen Seen. Wir wollen uns eventuell möblierte Zimmer nehmen und hier wirtschaften. Ein Brief von Ihnen, lieber Herr Professor, den Sie mir bald nach meiner Versetzung hierher schrieben, ist infolge ungenügender Adresse erst sehr spät angelangt. Sie fragten in diesem Brief nach der Reaktion meiner Kinder auf meinen Abschied. Ich kann Ihnen von unserm kleinen Bub sehr nette Dinge erzählen. Zwar war auch meine Tochter von der Uniform, die ich schon einige Zeit in Berlin trug, entzückt; namentlich der Gruß der Soldaten imponierte ihr. Der Kleine nahm die Sache seinem Geschlecht und Alter entsprechend in ganz andrer Weise auf. Ihm hatte es der Degen angetan. Ich versprach ihm, er dürfe den Degen auch einmal tragen. Als ich ihm nun die Waffe umgehängt hatte, war er ganz sprachlos vor Glück. Der Eindruck wirkte in ihm nach. Am nächsten Tage sagte er
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beim Mittagessen vor versammelter Familie: »Ein andrer Vater hätte das nicht getan und mir den Degen umgehängt.« Der harmlose Vorgang muß in dem Kinde feindliche Regungen in gegenteilige verwandelt haben. Die Äußerung bedeutet doch wohl: Hätte ich die kostbare Waffe in Besitz, so hätte ich sie keinem andern gegeben. Er war offenbar von meiner Großmut betroffen. In den folgenden Tagen war er dann von großer Zärtlichkeit; es war aber in seinem Verhalten etwas, was mir die Psychologie des Vasallentums erklärt hat. Z.B. ging ich einmal im Zimmer auf und ab. Infolge der schweren Militärstiefel war mein Schritt anders als sonst. Sofort schloß der kleine Kerl sich mir an, ging hinter mir und ahmte jeden meiner Schritte bezüglich Länge, Rhythmus und Schwere nach. Seit der Schwertverleihung hat er sich offenbar mit mir identifiziert. Das geht auch aus Spielen hervor, die er jetzt zu Hause aufführt. Im Lazarett arbeite ich zusammen mit einem Privatdozenten aus der Binswangerschen Klinik in Jena, Dr. H. Schultz, der vor längerer Zeit mal eine Kritik der Psychoanalyse in der Zeitschrift für angewandte Psychologie gebracht hat. Ich habe natürlich das Thema Psychoanalyse nicht berührt, sondern ihn herankommen lassen und bin augenblicklich damit beschäftigt, ihm seine leicht erkennbaren Widerstände zu demonstrieren. In den letzten Tagen befriedigen die Berichte aus dem
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Westen sehr. Eigentümlich, wie die diametral entgegengesetzten Teile des Kriegsschauplatzes – Flandern und Ostgalizien-Bukowina – die einzigen sind, auf denen Bewegungskämpfe vor sich gehen. Ich füge herzliche Grüße für Sie und Ihr Haus und für die Wiener Freunde hinzu. Wie stets Ihr Karl Abraham Briefe bitte zu adressieren: Allenstein (Ostpreussen) Garnisonlazarett.
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F5