• S.

    Allenstein, 12. 3. 18. Lieber Herr Professor, Vor einigen Tagen hörte ich von Sachs, daß Sie augenblicklich die Freude haben, alle drei Söhne auf Urlaub bei sich zu sehen. Gewiß hat diese Zeit, wenn sie auch nur kurz war, günstig auf Ihre Stimmung gewirkt. Möchte ein baldiger Kriegsschluß ihnen die gänzliche Rückkehr gestatten, damit sie auf den verdienten Lorbeeren ruhen können! Ich denke oft, wie schwer es Ihnen und Ihrer Gattin in all den Jahren geworden sein mag, die Sorgen zu ertragen. Wie geht es Ihren beiden Schwiegersöhnen? Das Buch von Simmel–Schnee habe ich mir kommen lassen und es soeben gelesen. Auch ich bin erstaunt über die Leistung und mehr noch über den Bekennermut, sowohl des Autors wie seines Protektors. Ich werde mich mit dem Autor in Verbindung setzen und kann so vielleicht etwas dazu beitragen, ihn ganz für unsre Interessen zu gewinnen. Ich finde in dem Buch viele meiner Lazarett-Erfahrungen bestätigt. Vielleicht läßt sich einmal ein Zusammentreffen ermöglichen, da Posen an der Strecke Allenstein – Berlin liegt. Mit unsern Zeitschriften geht es also doch vorwärts! Nachdem wir sie so lange gehalten haben, werden sie nun wohl auch bis zum Frieden am Leben bleiben. Immer wenn ein Hoffnungs- fünkchen auftaucht, das an Frieden denken läßt,

  • S.

    geht bei mir automatisch das Projektemachen los. Ich will Ihnen verraten, daß ich sogar schon ein Thema zu einem Vortrage auf dem nächsten Kongreß vorbereite, nämlich die Prognosenstellung bei Psychoanalyse-Behandlungen. Zu mehr theoretischen Arbeiten fehlt mir jetzt das Material, zu einer derartigen Frage der Praxis kann ich aber, wie ich glaube, auf Grund der siebenjährigen Erfahrung vor dem Kriege Stellung nehmen. Auch andres spricht für die Wahl eines solchen Themas. Der schwere ostpreußische Winter scheint in diesem Jahre früher als sonst enden zu wollen. Anfang April sind wir genötigt, eine andre Wohnung zu beziehen, ganz kleinstädtisch, in einem alten Hause, aber wenigstens mit einem großen Garten ausgestattet, der für die Kinder wertvoll ist. Während meine Frau und ich uns nach Berlin zurücksehnen, sind die Kinder in der kleinen Stadt restlos glücklich. In der Hoffnung, bald wieder Gutes von Ihnen und den Ihrigen zu hören, bin ich mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus Ihr Karl Abraham