• S.

    [Briefkopf III Berlin] 10.10.13

    Lieber Herr Professor,

    Zum Eintritt in die Ärztliche Gesellschaft für Sexualwissenschaft glaube ich Ihnen zuraten zu sollen. Es ist die erste ärztliche Korporation, die unsrer Wissenschaft gleiche Rechte mit jeder andern einräumt, und zugleich, wie ich schon letztes Mal schrieb, eine gute Gelegenheit zur Propagation unsrer Anschauungen. Zwei von unsern Gruppenmitgliedern sind im Vorstand. Der kürzlich hier niedergelassene Kollege Liebermann spricht im November auf Anregung Eulenburgs über »Freuds Lehre von den erogenen Zonen«. Ich kann noch hinzufügen, daß ich mit meinen psychoanalytischen Beiträgen bei den letzten Diskussionen mehr Interesse fand als irgendein andrer Redner. Ernste Gegengründe gegen Ihren Eintritt wüßte ich nicht. Ihr Eintritt würde uns, glaube ich, weitere Sympathien verschaffen, Ihr Nichteintritt dagegen sicher irgendwie falsch ausgelegt werden. Was Adlers Vorschlag betrifft, Sie möchten in Berlin einen Vortrag halten, so möchte ich Sie, lieber Herr Professor, bitten, mir gelegentlich mal zu sagen, ob Sie zu etwas Derartigem über-haupt zu haben sind. Ich habe Ihnen absichtlich nie einen solchen Vorschlag gemacht, dagegen schon oft überlegt, ob ein von unsrer Ortsgruppe arrangierter Vortrag nicht bei den Berliner Ärzten das größte Interesse finden würde. Vielleicht,

  • S.

    wenn Sie einmal nach Hamburg reisen? Einer sehr großen Zuhörerschaft wären Sie sicher. Auf den Narzißmus bin ich gespannt. Die zwei letzten Nummern der Zeitschrift, die ich jetzt las, befriedigten mich sehr, natürlich nicht alle Beiträge in gleichem Maße. Heute habe ich an Ferenczi einen kleinen Artikel über den Gehörgang als erogene Zone gesandt. Neben meiner Habilitations-Schrift und der Schautrieb-Arbeit habe ich noch ein paar solche Kleinigkeiten in Arbeit. Ein kleiner Aufsatz soll über neurotische Exogamie handeln, sich also an Ihre Imago-Artikel anlehnen. Unsre Gruppe hatte auch schon ihre erste Sitzung. Wir sind augenblicklich in großer Besorgnis um unser Mitglied Koerber. Er erkrankte kurz nach der Sitzung und wurde noch nachts in ein Krankenhaus gebracht, wo ihm nach achttägiger Beobachtung die linke Niere exstirpiert wurde. Es fanden sich multiple Papillome im Nierenbecken. Wenn er die nächsten Tage übersteht, wird man hoffen dürfen; aber es sieht sehr ernst aus. Es freut mich, von Ihnen und den Ihrigen Gutes zu hören. Sie schreiben von Ihrem Sohne Ernst; hat er in München eine Anstellung bekommen? Und um was handelt es sich? Trotz völliger Unkenntnis gratuliere ich aber nicht minder herzlich. Noch herzlichen Dank für den Scientia-Artikel, und viele Grüße, auch von meiner Frau! Ihr ergebener Abraham